FBI pfuschte bei Ermittlungen

Experten der US-Bundespolizei FBI haben mit schlampigen gerichtsmedizinischen Untersuchungen möglicherweise Hunderte unschuldig hinter Gitter gebracht – einige auch in die Todeszelle. Es könnte sich dabei nur um die «Spitze des Eisbergs» handeln.

Thomas Spang
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WASHINGTON. Mord, Vergewaltigung, Totschlag – wenn Augenzeugen fehlen und Staatsanwälte versuchen, die Täter zu überführen, spielen forensische Beweismittel meist eine Schlüsselrolle. Die Labors der US-Bundespolizei FBI leisteten nicht nur in Prozessen vor Bundesgerichten Hilfestellung, sondern auch bei Verfahren vor Gerichten der Gliedstaaten. Ganz oben auf der Liste steht dabei der Vergleich von Haarproben, die an Tatorten gefunden wurden.

95 Prozent fehlerhaft

Zwischen 1972 und 2000 gingen beim FBI mehr als 21 000 Anfragen für Untersuchungen von Haarproben ein. In 2500 Fällen stellten die Gerichtsmediziner der Bundespolizei eine Übereinstimmung fest. Nun muss befürchtet werden, dass sie mit ihren Analysen fast immer daneben lagen. Das legen die ersten Ergebnisse einer systematischen Überprüfung nahe, die das Justizministerium und das FBI durchführen.

Unterstützt wird das Projekt von der Juristenvereinigung «National Association of Criminal Defense Lawyers», dem «Innocence Project» und der «Washington Post». Das Blatt berichtet, in 95 Prozent der ersten 268 Prozesse, die nachträglich überprüft worden sind, seien die Labors zu fehlerhaften Ergebnissen gekommen. Aufgrund dieser falschen Beweise konnten die Staatsanwaltschaften Gerichte davon überzeugen, in 32 Fällen die Todesstrafe zu verhängen. 14 der Verurteilten sind später hingerichtet worden oder verstarben im Gefängnis.

Das Justizministerium und das FBI räumen die Probleme ein und versprechen alle notwendigen Mittel einzusetzen, «dass alle betroffenen Angeklagten über Fehler in der Vergangenheit informiert werden und in jedem einzelnen Fall Recht geschieht».

Noch viel mehr Fälle?

Experten fürchten, die bisherigen Ergebnisse seien nur die Spitze des Eisbergs. Nach Auswertung aller Gerichtsakten erwarten sie potenziell Hunderte Gefangener, die zu Unrecht wegen schwerster Straftaten hinter Gittern sitzen. «Das ist ein massenhaftes Desaster», sagt der Strafrechtler Brandon Garrett von der University of Virginia, der mit Sorge beobachtet, wie Gerichtsurteile auf forensischen Methoden basieren, die längst nicht mehr haltbar seien.

Bei den Haaranalysen gibt es keine wissenschaftlichen Erkenntnisse darüber, wie gross die Wahrscheinlichkeit ist, dass Haare von zwei verschiedenen Personen unter dem Mikroskop gleich aussehen. Tatsächlich beruhen die Gutachten des FBI in den zurückliegenden Jahrzehnten auf solchen visuellen Befunden. Eine zweifelsfreie Übereinstimmung liesse sich nur durch einen DNA-Vergleich beweisen.

Zudem besteht die Sorge, dass diese Fehler nicht nur in den Labors des FBI begangen wurden. «Wir brauchen eine erschöpfende Untersuchung, die überprüft, in wieweit vom FBI ausgebildete Experten in den Gliedstaaten ihrerseits falsche Analysen erstellt haben», fordert Peter Neufeld, der Mitbegründer des «Innocence Projects». Zumal 26 der 28 beim FBI beschäftigten Forensik-Experten für Haaranalysen falsche Gutachten geschrieben haben.

Nicht in jedem Fall Berufung

Strafrechtler Garrett weist darauf hin, dass die Befunde nicht automatisch zu einer Wiederaufnahme abgeschlossener Verfahren führten. Es gebe «zu wenige Richter, Staatsanwälte oder Verteidiger, die dazu in der Lage oder Willens sind, etwas zu tun». Nur die Bundesstaaten Kalifornien und Texas haben einen Berufungsweg, der nach Abschluss eines Strafrechts-Verfahrens beschritten werden kann, wenn Experten ihre Meinungen zurückziehen oder wissenschaftliche Erkenntnisse forensische Beweise in Frage stellen.

Die beiden führenden Senatoren im Justizausschuss des Senats, Charles Grassley und Patrick Leahy, drängten den Chef des FBI, James Comey, «an die Wurzel des Übels zu gehen», um eine Wiederholung auszuschliessen. «Es ist von zentraler Bedeutung, dass die Bundespolizei systematische Faktoren ausmacht, die zu diesem Problem führten, das mehr als ein Jahrzehnt unentdeckt blieb.»

Die Überprüfung der insgesamt 2500 heiklen Fälle war durch eine Recherche der «Washington Post» 2012 angestossen worden. Seither hat das FBI an schriftlichen Richtlinien gearbeitet, die Standards für die Laborarbeit in 19 forensischen Disziplinen festlegen. Bis dahin fehlte dies.