Probleme im Paradies
Ex-Präsident im Knast, Land im Chaos: Südafrika wird von Protestwelle erschüttert

Die Anhänger des verhafteten Jacob Zuma schwören, das Land «unregierbar» zu machen – mit einigem Erfolg.

Markus Schönherr, Kapstadt
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Die Verhaftung von Ex-Präsident Jacob Zuma spaltet die Kap-Republik. Jetzt schreitet die Armee ein.

Die Verhaftung von Ex-Präsident Jacob Zuma spaltet die Kap-Republik. Jetzt schreitet die Armee ein.

Bild: EPA (Johannesburg, 11. Juli 2021)

Eine dichte Rauchsäule steigt über der Brookside Mall auf und verdunkelt den Himmel über der südafrikanischen Stadt Pietermaritzburg. In dem Einkaufszentrum, wo sich an einem normalen Wochenende Tausende Südafrikaner tummeln, herrscht Chaos. Plünderer fliehen mit vollen Einkaufswagen.

In den Strassen liegen Felsbrocken neben brennenden Autos. Ähnliche Bilder flimmerten zu Wochenbeginn auch aus anderen Städten über die Fernsehbildschirme der Kap-Republik. Anarchie herrscht auf Südafrikas Strassen; eine direkte Folge der Inhaftierung von Ex-Präsident Jacob Zuma am vergangenen Donnerstag.

Neben der Verwaltungsstadt Pietermaritzburg wurden auch Johannesburg, die Hauptstadt Pretoria und die Hafenmetropole Durban von gewaltsamen Ausschreitungen erschüttert. Seit Freitag war es hier zu Protesten gekommen. In der Provinz KwaZulu-Natal steckten Demonstranten mindestens 23 Lastwagen in Brand. Auch eine Moschee ging in Flammen auf. Vielerorts kam es zu Überfällen.

Armee geht gegen eigene Bevölkerung vor

Unterdessen gerieten in Johannesburg Polizei und Demonstranten aneinander, als die Sicherheitskräfte versuchten, die brandschatzende Menge mit Tränengas und Gummigeschossen zu vertreiben. «Es war wie im Krieg», sagte ein Arzt, der in einer Johannesburger Klinik arbeitete, während sich draussen auf den Strassen die wüsten Szenen abspielten. Unter seinen Patienten sei ein sechs Monate altes Kleinkind gewesen, dessen Kopf von einer Gummikugel getroffen worden war.

Mindestens sieben Menschen kamen bei den Ausschreitungen bisher ums Leben. Die Polizei bestätigte ausserdem mehr als 200 Festnahmen. Am Montagnachmittag gab die Armee bekannt, einem Hilferuf der Polizei zu folgen und Soldaten in die Strassen zu entsenden. Es gelte, «die Unruhen niederzuschlagen», hiess es aus der Armeezentrale.

Bereits vor der Festnahme von Ex-Präsident Jacob Zuma letzte Woche hatten dessen treue Anhänger angekündigt, Südafrika «unregierbar machen» zu wollen. Das ist ihnen zum Teil gelungen: In mehreren Bezirken blieben Gerichte, Ämter und Kliniken am Montag geschlossen. Bereits am Wochenende hatten die Unterstützer des umstrittenen Ex-Staatschefs in den Sozialen Medien unter dem Motto «FreeZuma» fleissig mobilisiert.

Südafrikas Ex-Präsident Jacob Zuma sitzt im Gefängnis.

Südafrikas Ex-Präsident Jacob Zuma sitzt im Gefängnis.

EPA

In KwaZulu-Natal, dem Epizentrum der Proteste, sitzt Zuma seit fünf Tagen in Haft. Er hatte sich geweigert, vor einer Ermittlerkommission auszusagen. Die Kommission untersucht mutmassliche Korruptionsfälle während Zumas Amtszeit (2009-2018). Das Verfassungsgericht verurteilte den 79-jährigen Ex-Präsidenten daraufhin wegen Missachtung der Justiz zu 15 Monaten Gefängnis.

Zumas Kritiker feierten das Urteil als einen «Sieg für die Rechtsstaatlichkeit». «Endlich wird er dort sein, wo er hingehört – hinter Gitter», sagte Johannesburgs Ex-Bürgermeister Herman Mashaba. «Das Urteil unterstreicht das Prinzip, dass vor dem Gesetz alle gleich sind», erklärte die Aktivistenallianz Defend Our Democracy.

Zuma spricht von einem «Todesurteil»

2018 musste Zuma auf wachsenden Druck der eigenen Partei hin zurücktreten. Seither wittert er eine politische Verschwörung. «Ich hätte nie gedacht, dass eine Zeit kommt, in der eine demokratische Regierung in Südafrika sich genauso verhalten würde wie das Apartheid-Regime», hatte er in einem Brief an das Gericht erklärt.

Während Zumas Anhänger für dessen Freilassung kämpften, tagten am Montag erneut die Verfassungsrichter. Zumas Anwalt hatte gegen das Urteil Beschwerde eingelegt. Zuma selbst hatte den Behörden zuvor erklärt, seine Inhaftierung während der Corona-Pandemie gleiche einem «Todesurteil».

Politiker und Aktivisten verurteilten die Gewalt. Am Sonntagabend unterstellte Präsident Cyril Ramaphosa den Organisatoren eine «Mobilisierung» anhand von Volkszugehörigkeit. Damit spielte er auf den Rückhalt an, den Zuma in weiten Teilen der Zulu-Ethnie geniesst. Um jeden Preis müssten die Südafrikaner eine solche Lagerbildung ablehnen. Der junge Schwellenstaat bleibe eine Nation von «Vielfalt und Einigkeit». Die Chaoten nutzten derweil «echte Probleme wie Hunger, Armut und Arbeitslosigkeit» aus, um für ihre Zwecke «Chaos» zu stiften.

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