EVAKUIERUNG: Das Regime triumphiert

Nach vier Jahren konnten gestern Kranke und Verletzte, Zivilisten und Rebellen Ost-Aleppo verlassen. Das Staatsfernsehen berichtete davon direkt.

Michael Wrase/Limassol
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Nach langen Jahren Krieg in Ost-Aleppo auf dem Weg in die ungewisse Sicherheit. (Bild: Tiqa News/AP)

Nach langen Jahren Krieg in Ost-Aleppo auf dem Weg in die ungewisse Sicherheit. (Bild: Tiqa News/AP)

Michael Wrase/Limassol

Als gestern am frühen Morgen in Ost-Aleppo schwarze Rauchsäulen aufstiegen, war es endgültig klar, dass die Rebellen aufgegeben hatten. Mehrere Warendepots, Büros und Wohnungen waren von den Aufständischen in Brand gesetzt worden, um damit eine propagandistische Ausschlachtung der erzwungenen Kapitulation durch das syrische Staatsfernsehen zu verhindern. Begleitet von ätzenden Kommentaren, hatte der Sender zeitweise direkt über die Evakuation Ost-Aleppos berichtet, wie zunächst Kranke und Verletzte, später dann auch andere Zivilisten und Rebellen in die grünen Nahverkehrsbusse einstiegen.

Deren Scheiben waren mit riesigen Portraits von Machthaber Bashar al-Assad dekoriert worden. So wollte man die Geschlagenen Ost-Aleppos zusätzlich demütigen. Eine Begrüssung durch Regimevertreter blieb ihnen dagegen erspart. Es waren russische Militärs in hellbraunen Uniformen sowie Mitarbeiter des Syrisch-Arabischen Roten Halbmondes, die die Busse begleiteten, sich demonstrativ neben die Fahrer setzten.

Umsiedlung dürfte dauerhaft sein

Nahezu zeitgleich mit der Evakuierung Ost-Aleppos waren 1200 Verletzte und Zivilisten aus zwei von Jihadisten belagerten schiitischen Ortschaften bei Idlib in Sicherheit gebracht worden. Darauf hatte die iranische Regierung bestanden. Ihr Beharren könnte einer der Gründe für die gescheiterte Evakuierung am Mittwoch gewesen sein.

Noch immer völlig unklar ist, wie viele Menschen aus Ost-Aleppo in Sicherheit gebracht werden sollen. Nach Angaben des syrischen Staatsfernsehens sollen insgesamt 4000 Rebellen und ihre Familien in die von Rebellen beherrschte Provinz Idlib oder in Flüchtlingslager an der türkischen Grenze gebracht werden. In ihre Heimatstadt Aleppo dürfen sie sehr wahrscheinlich nie wieder zurückkehren. Ihre mit Waffengewalt erzwungene Umsiedlung wurde im russischen Staatsfernsehen als ein Akt der Barmherzigkeit dargestellt.

Der Leiter des UNO-Hilfseinsatzes in Syrien, Jan Egeland, rechnet damit, dass insgesamt 50000 Menschen die östlichen Bezirke von Aleppo verlassen wollen. Vier Jahre waren sie von den Aufständischen gehalten worden. Mit massiver Unterstützung der arabischen Golfstaaten und der Türkei wollten sie ganz Aleppo besetzen und dort, wie vor dem Sturz von Muammar al-Gaddafi im libyschen Benghazi, eine Gegenregierung etablieren. Ohne die strategisch bedeutende Wirtschaftsmetropole Aleppo, so die Hoffnung der Rebellen, würde das Assad-Regime bald zusammenbrechen.

Dass sie den Krieg gegen den Diktator fortsetzen werden, stellten einige der aus Ost-Aleppo weggebrachten Kämpfer sofort nach der Ankunft in der Ortschaft Khan Touman klar. Die Kapitulation sei aus kriegstaktischen Gründen notwendig gewesen.

Machtkämpfe könnten sich verschärfen

Journalisten des Beiruter Internetportals «Al Monitor» halten es für wahrscheinlich, dass sich nach der Niederlage in Ost-Aleppo die Machtkämpfe unter den Rebellen verschärfen werden. Radikale Fraktionen wie die Al-Qaida-Ableger Nusra-Front könnten nun endgültig die Oberhand gewinnen. Deren Kämpfer halten sich weiterhin in Ost-Aleppo auf, wo sie in der Nacht auf gestern zwei Selbstmordanschläge gegen die syrische Armee durchführten.