Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Eurovision Song Contest in Tel Aviv trotzt Raketengefahr und Boykottaufrufen

Trotz des Minikrieges vor gut einer Woche und internationalen Boykottaufrufen nehmen alle 41 Wettbewerber am ESC in Tel Aviv teil. Allerdings sind weniger Fans angereist als erwartet. Grund dafür dürften die immensen Preise sein.
Susanne Knaul
In Tel Aviv laufen die letzten Vorbereitungen für den Eurovision Song Contest. (Bild: Abir Sultan/EPA, 7. Mai 2019)

In Tel Aviv laufen die letzten Vorbereitungen für den Eurovision Song Contest. (Bild: Abir Sultan/EPA, 7. Mai 2019)

Sommer, Sonne, Meer und Partys. Tel Aviv ist wie geschaffen für die Austragung des Eurovision Song Contests (ESC). Längs der Küste wird letzte Hand angelegt an eine riesige Bühne für Open-Air-Konzerte und die Stände des Tel Aviver Food-Festivals gleich nebenan. 100 Prozent vegane Burger werden dort seit Sonntag serviert, Dim Sum, tunesische Spezialitäten und Bier aus Bayern. Ein Fressspektakel für die Gäste aus aller Welt.

«Lundvik», rufen vier Freunde aus Schweden wie aus einem Munde auf die Frage, wer wohl Gewinner wird. Der schwedische Sänger John Lundvik gilt als aussichtsreicher Kandidat für den ersten Platz. Die vier Freunde sitzen mit nackten Oberkörpern beim Cocktail am Strand und geniessen das schöne Wetter mit Temperaturen um 25 Grad. «Teuer ist es hier», sagt der 48-jährige Magnus Delien und will nicht darüber nachdenken, wann er als erkennbarer Tourist noch mehr bezahlen muss als die Einheimischen. Umgerechnet 20 Euro soll ein Falafelbäcker einem ausländischen Kunden für ein mit Salat, Humus und Falafelbällchen gefülltes Pitabrot abgeknöpft haben, das sonst nur vier Euro kostet. Willkommen im Nahen Osten.

Höchste Alarmstufe

Kurz vor den zwei Halbfinals sind die Karten noch lange nicht ausverkauft. Ab 100 Euro kostet der Eintritt. Wer den Final in den Expo-Messehallen im Norden Tel Avivs miterleben will, muss sogar umgerechnet 500 Euro auf den Tisch legen. Selbst für die Eurovision-begeisterten Israeli ist das ein zu hoher Preis. «Wir gehen sicher nicht hin», sagen die Mittdreissigerinnen Jael und Ruth, zwei miteinander verheiratete Frauen aus Tel Aviv. Gefreut haben sich die beiden, als Netta Barzilai im letzten Jahr mit ihrem Song «Toy» den ECS gewann. «Für Israel war das ein toller Erfolg», sagt Jael, sie aber mag die Musik nicht so besonders und «den Glitter» der Veranstaltung.

«Trau dich zu träumen», so lautet das Motto des diesjährigen ESC, der über Drohungen palästinensischer Islamisten beinah ins Wasser gefallen wäre. Kaum zwei Wochen vor dem grossen Final fochten Israel und die Hamas in Gaza noch einen Minikrieg miteinander aus. Sollte sich Israel nicht an die Abmachungen des Waffenstillstands halten, so drohte die Hamas anschliessend, werde «der (palästinensische) Widerstand» Israel um «kommende Vergnügungen, wie den ESC, berauben». Höchste Alarmstufe gilt für die Armee vor allem am 15. Mai, an dem die Palästinenser der «Nakba», des Beginns der Flüchtlingskatastrophe vor 71 Jahren, gedenken.

Sven Skaltelyvare, einer der vier schwedischen Freunde am Strand von Tel Aviv, will sich von den Drohungen nicht beirren lassen. «Wir kommen aus Malmö», sagt der 45-jährige, damit seien sie Nachfahren der Wikinger und «kennen keine Angst». Die österreichische Sängerin Paenda, die mit ihrem Titel «Limits» dabei ist, macht sich ebenso wenig Gedanken um ihre Sicherheit. «Ich bin kein ängstlicher Mensch», sagt die Musikerin. Sie habe sich vor ihrer Reise über die Lage informiert und sei ausserdem über Verhaltensmassnahmen bei Raketenalarm instruiert wurde. Tel Aviv hätte sie sich «nicht entgehen lassen wollen». Die «tolle, weltoffene und multikulturelle» Stadt habe sie so wenig enttäuscht wie die Israeli, die sie als «sehr liebe und intelligente Menschen» empfindet.

Roger Waters ruft zum Boykott auf

Paenda war «vor allem über die sozialen Netzwerke unter Druck gesetzt» worden, nicht nach Israel zu reisen. Die von Palästinensern initiierte BDS-Bewegung (Boykott, Deinvestition und Sanktionen) appellierte an Künstler und Fans, nicht zum ESC zu fahren, den Israel missbrauche, um die Verbrechen der Besatzung «weisszuwaschen». Für die österreichische ESC-Teilnehmerin stand ein Boykott nicht zur Debatte. «Ich bin Musikerin», sagt sie und hält sich mit einer politischen Stellungnahme zurück. Der frühere Pink-Floyd-Musiker Roger Waters, lebhafter Gegner der ­israelischen Besatzungspolitik, schloss sich hingegen dem BDS-Appell an und kritisierte Madonna, die als prominenter Star während der finalen Veranstaltung auftreten soll, für ihre Zusage.

Nach Ansicht der Israelin Netta Barzilai sei bei dem Gesangswettbewerb «kein Platz für einen Boykott». Vor Korrespondenten in Jerusalem erinnerte die voluminöse Sängerin an die Ursprünge des ESC, der nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführt worden sei, um «die Wunden des zerfetzten Kontinents zu heilen». Barzilai begrüsst, dass keiner der 41 Teilnehmer, die sich für den Halbfinal qualifizierten, abgesagt hat.

Die besatzungskritische israelische Organisation «Das Schweigen brechen» heisst die ESC-Gäste willkommen und lädt sie ein, an einer kostenfreien Tour in der besetzten palästinensischen Stadt Hebron teilzunehmen, um «das ganze Bild» zu bekommen. Die ehemaligen israelischen Soldaten machen sich das ESC-Motto zu eigen und «trauen sich, von der Befreiung von der Besatzung zu träumen», wie es in der Einladung heisst.

Auch die Ultraorthodoxen protestieren

Für Israel bietet der ESC eine der wenigen Bühnen, auf denen sich das kleine Land international profilieren kann. Viermal schon holte Israel die meisten Punkte. Umstritten ist der diesjährige Song Contest, weil der Final an einem Samstag stattfindet. Von ultraorthodoxer Seite kam Protest gegen die «Verletzung des heiligen Schabbat». Die Frommen in Israel stören sich aber auch inhaltlich an dem Musikspektakel, das längst zur Bühne für Diversität geworden ist. Zum letzten Mal gewann die transsexuelle Sängerin Dana International vor 20 Jahren beim ESC mit ihrem Titel «Diva» den ersten Platz für Israel.

Seit Sonntag dürfen Fans, die mit weniger Geld anreisen, ihre Zelte am Strand aufstellen und im Hajarkon-Park, der direkt gegenüber von dem Messegelände liegt. Auf riesigen Leinwänden soll die Show von dort direkt zu verfolgen sein. Insgesamt kommt nur rund die Hälfte der erhofften 15000 bis 20000 Gäste aus dem Ausland. Für den Fernsehsender Kan, der die Kosten der Veranstaltung trägt, dürfte es ein Verlustgeschäft werden.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.