Europa verschläft die nächste Revolution

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«Wir sind das Volk» – so klangen bislang die Anfänge einer Revolution. Wenn Menschen sich aufmachen, ein System zu verändern. «Wir sind die Plattform», so klingt es heute, wenn Technologie sich aufmacht, die Wirtschaft zu verändern. Revolutionen werden nicht mehr ausgerufen, niemand geht mehr auf die Strasse. Wir gehen ins Internet, und der Umsturz ist längst da.

Die Erde ist keine Scheibe, das wissen wir spätestens seit Pythagoras (6. Jahrhundert v. Chr.). In der globalen Wirtschaft aber gibt es jetzt so etwas wie eine Rolle rückwärts, die doch gleichzeitig Fortschritt ist. Wirtschaft findet zunehmend auf einer Scheibe statt, wenn man Plattformen so bezeichnen möchte, wie der US-Journalist Thomas Friedman es schon 2005 getan hat («the world is flat»). Denn Plattformstrategien entscheiden über die Zukunft des industriellen Internets.

Die nächste Revolution, das ist der Wandel der Wirtschaft von der Materie, die vom Menschen geformt wurde, über die Materie, die von der Maschine geformt wurde, hin zu den Daten, die die Menschheit formen. Daten sind das neue Öl, der Spruch ist schon so alt, dass man ihn schon fast wieder vergessen hatte. Aber er stimmt. Nur anders, als gedacht. Es geht nicht nur darum, dass Daten einen Wert haben und handelbar werden. Sie werden das Schmiermittel für alle Geschäftsmodelle der Zukunft.

Wenn man in diesen Tagen in den USA unterwegs ist, beginnt man genauer zu verstehen, was damit gemeint ist. Fasziniert, zuweilen auch ein wenig beklommen stellen wir fest, wie konsequent die Amerikaner sich Richtung Plattform aufmachen. Im Endkundengeschäft kennen wir das längst. Niemand aus Europa kann derzeit Amazon, Google oder Facebook den Rang ablaufen im Geschäft mit den Kundendaten, der zielgenauen Werbung und der Vernetzung von immer mehr Lebensumfeldern in einem integrierten Datennetz. Beim industriellen Internet, so bislang die These, sieht es anders aus. Da zehrt Deutschland von der Stärke seiner Industriegeschichte, von Grossunternehmen, vor allem aber von einer mittelständischen Wirtschaft, die Weltmarktführer hervorgebracht hat und international Ansehen geniesst. Wir sind die Meister in Fertigungstechnik und Fertigungstiefe. Niemand muss Angst haben, dass uns die Amerikaner die Kompetenz in Industriemaschinen streitig machen. Ein Blick in eine amerikanische Fabrik genügt oft, um sich zu entspannen.

Um die Maschinen geht’s aber nicht. Die wird uns schon keiner streitig machen. Es geht um die Daten, die diese Maschinen sammeln, die auf einer eigenen Plattform aggregiert werden, um so flugs daraus schon wieder das nächste Geschäftsmodell zu erfinden. Wie sagte der CEO eines Industrieunternehmens in Boston: «Wir nutzen unser Produkt als Trojanisches Pferd.» Ist das erst einmal drin in den Industrieanlagen, werden alle Daten gesammelt, die in Anlagen und Gebäuden anfallen. Mess- und Regeltechniker, Hersteller von Industrieprodukten, Bürovermietungen, sie alle werden zu Softwarefirmen. Und wer zuerst da ist, macht das Rennen. Geschichte wiederholt sich nicht? Oh doch, manchmal schon.

Viele Unternehmen in Europa schauen beim Begriff Plattformökonomie noch immer betreten zu Boden oder – kenntnisreicher – Richtung USA. Das wirkt, als würden wir in Europa nicht Treiber, sondern Getriebene einer Revolution des industriellen Internets sein. Jack Ma, Gründer der chinesischen Plattform Alibaba, hat mal gesagt: «Am Anfang wollte ich einfach nur überleben.» Am Ende will man das wohl auch.