Europa und der Terrorkrieg

Vor einem Jahr hat Barack Obama den Friedensnobelpreis für seine Ankündigung erhalten, ein neues Verhältnis zum Islam zu finden. Doch mehr denn je bestimmt dieses Verhältnis die Angst vor dem Jihad-Terror – auch in Europa.

Walter Brehm
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Koran oder Märtyrertod. Warnungen aus den USA über geplante Attentate und Terror-Rekruten aus Europa zementieren in unheiliger Allianz ein finsteres Islam-Bild. (Bild: epa/Arshad Arbar)

Koran oder Märtyrertod. Warnungen aus den USA über geplante Attentate und Terror-Rekruten aus Europa zementieren in unheiliger Allianz ein finsteres Islam-Bild. (Bild: epa/Arshad Arbar)

Seit Wochen führen unbemannte US-Kampfflugzeuge – sogenannte Drohnen – im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet einen intensiven Luftkrieg. Amerikanische und europäische Medien begleiten ihn mit Warnungen der CIA und anderer Geheimdienste vor geplanten Terroranschlägen in europäischen Städten.

Diesen Plänen zuvorzukommen, dienten die gezielten Angriffe auf Ausbildungslager von Jihad-Terroristen in der pakistanischen Provinz Nord-Waziristan, heisst es in den Nachrichten aus den USA.

Dazu wird immer beteuert, bei den Dutzenden Todesopfern dieser Luftschläge handle es sich um hochrangige Terroristen. Und wie zur Erhärtung der Erfolgsmeldungen, sind in letzter Zeit immer auch europäische Jihadisten, vornehmlich aus Deutschland, unter den Getöteten. Anwohner der angegriffenen Gebiete berichten hingegen immer auch von zahlreichen zivilen Opfern.

Neue Debatte über Al Qaida

Er war schon fast in Vergessenheit geraten – der internationale Krieg gegen den Jihad-Terror. Politische und militärische Rückschläge des Westens im Krieg gegen die Taliban-Rebellen in Afghanistan hatten ihn zunehmend aus den Schlagzeilen verdrängt. Zudem schien das Terrornetzwerk Al Qaida am Hindukusch vor allem mit dem Überleben seiner wichtigsten Exponenten beschäftigt zu sein.

Doch die Warnungen aus den USA über angeblich geplante Terrorangriffe haben die Debatte über die Gefährlichkeit der Al Qaida neu belebt. Osama bin Laden soll persönlich Geld für Terrorpläne in Europa gestiftet haben.

Trübe Quelle

In Europa herrscht, zumindest medial, helle Aufregung – auch wenn die Quelle, die sie speist, eher trüb ist. Die meisten Nachrichten stammen aus der Küche des rechtsgerichteten US-Fernsehsenders «Fox-News».

Sekundiert vom britischen Boulevardblatt «News of the World», wird vor allem die deutsche Öffentlichkeit aufgeschreckt. Da werden konkrete Angriffsziele der Jihadisten in Berlin genannt – das Luxushotel Adlon beim Brandenburger Tor, der Hauptbahnhof, der Fernsehturm am Alexanderplatz. Und für das französische Publikum immer wieder der Eiffelturm. Um die Wirkung zu verstärken, werden amerikanische Touristen zudem beim Besuch dieser Orte zur Vorsicht ermahnt.

Phantom oder reale Gefahr?

Trotz all der Warnungen lässt Washington offiziell offen, ob tatsächlich neue, handfeste Informationen über bevorstehende Aktionen der Al Qaida oder anderer Gruppen vorliegen. Laut der Berliner Zeitung «Tagesspiegel» kommen die Hinweise vor allem von zwei deutschen Islamisten. Den einen, Ahmed S., verhören die Amerikaner in Afghanistan in ihrem umstrittenen Verhörzentrum Bagram. Der andere, der syrischstämmige Deutsche Rami M.

, soll vom Bundeskriminalamt in einem hessischen Gefängnis vernommen werden. Ob die beiden die Wahrheit sagen, und unter welchen Bedingungen sie aussagen, ist vor allem im Fall von Ahmed S. unklar. Die deutschen Behörden zumindest bleiben auffällig ruhig. Berichte über geplante Anschläge nach dem Muster von Bombay im November 2008 werden von der bürgerlich-liberalen Zeitung «Die Zeit» offen als «Kaffeesatz-Lesen» bezeichnet.

Die heimische Terror-Brut

Dennoch plagt deutsche Behörden eine Sorge tatsächlich: die vielen Reisen deutscher Islamisten ins pakistanisch-afghanische Grenzgebiet. Ahmed S., der im März 2009 in Kabul verhaftet wurde, ist nur einer von ihnen. Laut Jörg Ziercke, Präsident des Bundeskriminalamtes, sollen sich derzeit mindestens 110 Personen in Deutschland aufhalten, die im Gebiet der pakistanisch-afghanischen Grenze entweder schon eine paramilitärische Ausbildung erhalten haben oder dies planten.

Von diesen Islamisten seien 22 besonders gefährlich, weil sie bereits in Afghanistan gekämpft hätten. Zehn dieser «Gefährder» seien in Haft, der Rest werde permanent überwacht.

Angst nützt den Extremisten

«Die Zeit» schreibt: «Sicher scheint derzeit nur, dass die geschürte Angst in Europa den Jihadisten in ihren Zermürbungskrieg gegen den Westen nützt – ohne dass sie eine Bombe gezündet haben.» Hinzufügen könnte man: und den in Deutschland lebenden Moslems – einheimischen und Migranten – schadet.

Nachdem Bundespräsident Christian Wulff in seiner Rede zur Deutschen Einheit sachlich festgestellt hat: «Heute gehört neben dem Christentum und dem Judentum auch der Islam zu Deutschland», wird in Parteien und Medien bereits debattiert, ob Wulff zu islamfreundlich sei oder gar die westliche Kultur zur Disposition gestellt habe.

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