Europa fahndet nach Islamisten

Drei Tage nach den Anschlägen in Brüssel mit 31 Todesopfern haben gestern in mehreren europäischen Ländern Aktionen gegen mutmassliche Islamisten stattgefunden. Mitglieder der belgischen Regierung räumten Fehler ein.

Peter Riesbeck
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Belgische Polizeikräfte gestern während einer Antiterror-Operation in Brüssel. (Bild: epa/Oliver Hoslet)

Belgische Polizeikräfte gestern während einer Antiterror-Operation in Brüssel. (Bild: epa/Oliver Hoslet)

BRÜSSEL. Die Attentäter von Brüssel unterhielten auch Kontakte nach Deutschland. Die deutschen Behörden bestätigten gestern die Festnahme zweier verdächtiger Islamisten in Giessen und im Grossraum Düsseldorf. Beide sollen Kontakte zu Khalid al-Bakraoui gehabt haben, der sich am Dienstag in der Brüsseler Metrostation Maelbeek in die Luft gesprengt hat.

Der Düsseldorfer Islamist Samir E. soll im Sommer vergangenen Jahres gemeinsam mit al- Bakraoui von türkischen Behörden an der Grenze zu Syrien festgehalten worden sein. Der in Giessen festgenommene Verdächtige hatte am Dienstag um 9.08 Uhr ein SMS von al-Bakraoui mit der Botschaft erhalten: «Fin» (Ende). Drei Minuten später sprengte sich der Attentäter in der Metro in die Luft.

Mann in Brüssel angeschossen

Europaweit gab es gestern Festnahmen und Razzien. In Brüssel wurde in einer spektakulären Aktion ein Verdächtiger, den die Polizei an einer Tramhaltestelle im Stadtteil Schaerbeek kontrollieren wollte, auf offener Strasse niedergeschossen. Er hatte nach ersten Ermittlungen einen Rucksack mit Sprengstoff bei sich. Die Behörden wiesen Spekulationen zurück, bei dem Festgenommenen handle es sich um Mohammed Abrini, der wegen der Attentate in Brüssel und Paris gesucht wird.

Die Überprüfung soll in Zusammenhang mit Festnahmen in Frankreich stehen. So setzte die französische Polizei gestern im Pariser Vorort Boulogne-Billancourt Reda Kriket fest. Er soll Kontakte zu Abdelhamid Abaaoud gehabt haben, der nach Überzeugung der Ermittler die Anschläge von Paris im vergangenen November geplant hatte. In der Wohnung Krikets in Argenteuil fanden die Ermittler Sprengstoff und Waffen.

Europaweit schrieben die Ermittler zudem nach den Brüsseler Anschlägen Naim al-Hamed, einen 28jährigen Syrer, zur Fahndung aus. Er könnte Khalid al -Bakraoui an der Metrostation Maelbeek unterstützt haben. Nach einem weiteren unbekannten Attentäter von Brüssel wird ebenfalls gefahndet.

Minister bieten Rücktritt an

Im belgischen Parlament mussten sich gestern Innenminister Jan Jambon und Justizminister Koen Geens kritischen Fragen wegen Ermittlungsfehlern stellen. Sie hatten zuvor eingeräumt, dass es im Vorfeld der Attentate zu schweren Pannen gekommen war. So hatten die türkischen Behörden im vergangenen Juni sowohl Belgien als auch die Niederlande vor der Rückkehr des in Belgien landesweit als Kriminellen bekannten Ibrahim al-Bakraoui gewarnt – Khalids Bruder, der sich am Dienstag am Brüsseler Flughafen in die Luft gesprengt hat. Er war im Juni an der Grenze zu Syrien festgenommen und am 20. Juli per Flieger nach Amsterdam abgeschoben worden.

Sowohl Jambon als auch Geens boten ihren Rücktritt an. Jambon machte für die Panne jedoch indirekt die Türkei verantwortlich, die Nachfragen des belgischen Verbindungsoffiziers erst in diesem Januar beantwortet habe. Die gegenseitigen Schuldzuweisungen haben zu Spannungen zwischen den Ländern geführt.

Unterstützung von Kerry

Zugleich musste Belgiens Polizei jedoch auch einräumen, im November einen Tip zum Verbleib des flüchtigen Paris-Attentäters Salah Abdeslam nicht weitergeleitet zu haben. Abdeslam wurde nach monatelanger Flucht am 18. März in Brüssel-Molenbeek festgenommen, wenige hundert Meter von der Wohnung seiner Eltern entfernt. Er war allerdings vor den Anschlägen in Brüssel nur einmal vernommen worden. Erst nach den Attentaten räumte er ein, dass in Brüssel eine Anschlagsserie und Schiessereien nach Pariser Vorbild geplant gewesen seien. US-Aussenminister John Kerry wies Kritik an Belgien bei einem Besuch in Brüssel zurück: «Diese Regierung ist erst seit einem Jahr im Amt und hat wichtige Schritte im Kampf gegen den Terror unternommen.»