Es wird einsam um Berlusconi

Silvio Berlusconis Partei Forza Italia befindet sich in einem unaufhaltsamen Auflösungsprozess; der einstige unumstrittene Sonnenkönig des italienischen Rechtslagers scheint mit seinem Latein am Ende.

Dominik Straub
Drucken
Teilen
Viele Getreue sind von Bord gegangen: Silvio Berlusconis beinahe monarchische Autorität von früher ist nur noch blasse Erinnerung. (Bild: epa/Angelo Carconi)

Viele Getreue sind von Bord gegangen: Silvio Berlusconis beinahe monarchische Autorität von früher ist nur noch blasse Erinnerung. (Bild: epa/Angelo Carconi)

ROM. An Ostern verkroch sich Silvio Berlusconi in seine Märchenvilla Certosa in Sardinien, und seither hat er sich in Rom nicht mehr blicken lassen. Fast scheint es, dass ihm der Politikbetrieb in der Hauptstadt verleidet ist. Dort beherrscht seit über einem Jahr ein anderer die Szene, der forsche und omnipräsente Matteo Renzi. Der 40jährige Premier und «Verschrotter» lässt den fast doppelt so alten Berlusconi praktisch täglich spüren, dass er auch ihn zum alten Eisen zählt. Das wäre an sich schon frustrierend genug – doch noch deprimierender ist der Zustand seiner eigenen Partei, der Forza Italia.

Auch der Treuste der Treuen

Von Sardinien aus muss Berlusconi zusehen, wie sich immer mehr seiner früheren Höflinge und Wasserträger gegen ihn auflehnen oder sich gleich ganz von ihm lossagen. Der jüngste Eclat ereignete sich an diesem Wochenende: Berlusconis früherer Regionenminister Raffaele Fitto, der schon seit Monaten am politischen Kurs des einstigen Übervaters herumnörgelt, tritt nach Streitereien über die Listengestaltung bei den Regionalwahlen in Apulien von Ende Mai de facto mit einer eigenen Liste an. Fitto ist nicht irgendwer: Der 45-Jährige war lange eine der grössten Nachwuchshoffnungen der Berlusconi-Partei gewesen. Einige Tage vor dem Bruch mit Fitto hatte auch Sandro Bondi die Partei verlassen: Der frühere Kulturminister war der Hofpoet des Cavaliere gewesen und hatte unzählige Verse für den geliebten Führer gedichtet. Der Weggang des Treusten der Treuen war von den Politikauguren Roms als Zeichen gedeutet worden, dass sich nun wohl endgültig eine Ära ihrem Ende nähere. Tatsächlich ist Berlusconis beinahe monarchische Autorität von früher nur noch eine blasse Erinnerung.

In der Hand der «Altenpflegerin»

Noch vor wenigen Jahren vermochte die Strahlkraft des Cavaliere so unterschiedliche Parteien wie die separatistische Lega Nord und die nationalistische Alleanza Nazionale (AN) zusammenzuhalten. Der einstige AN-Chef Gianfranco Fini war von Berlusconi wegen Gehorsamsverweigerung schon vor Jahren aus der Koalition geworfen worden, Lega-Nord-Gründer Bossi ist vom jungen Wilden Matteo Salvini abgelöst worden. Salvini kann sich politisch in allen Rollen vorstellen, ausser in jener des Steigbügelhalters für Berlusconi. Später gingen die ehemaligen Minister Ignazio La Russa und Giorgia Meloni von Bord. Und in Berlusconis bitterster Stunde, bei seinem Rausschmiss aus dem Senat vor eineinhalb Jahren, ging auch sein politischer Ziehsohn Angelino Alfano seine eigenen Wege.

Inzwischen ist der alternde Berlusconi nur noch von seinem «cerchio magico», seinem magischen Zirkel, umgeben. Dieser besteht im wesentlichen aus der Abgeordneten Mariarosaria Rossi, seiner 49 Jahre jüngeren Verlobten Francesca Pascale und dem weissen Pudel Dudu. Die 46jährige Rossi, deren herausragendste Merkmale ein enormer Busen und Schlauchboot-Lippen sind, ist für die meisten verbliebenen Forza-Italia-Mitglieder ein rotes Tuch: Berlusconi hat sie zur allmächtigen Geschäftsführerin gemacht, die entscheidet, wer zum Patriarchen Zugang erhält. Hinter Berlusconis Rücken wird die ehemalige Römer Disco-Animateurin Rossi perfid als «badante» bezeichnet, als Altenpflegerin.

Wieder Hoffnung geschöpft

Nach seinem definitiven Freispruch mangels Beweisen im Ruby-Prozess hatte Berlusconi nochmals Hoffnung geschöpft: «Jetzt, wo diese traurige Geschichte erledigt ist, bin ich erneut bereit, mit der Forza Italia und dem ganzen Mitte-rechts-Lager ein besseres, gerechteres und freieres Italien aufzubauen.» Der Adrenalinschub ist aber längst verpufft, der einst mächtigste und reichste Mann des Landes scheint mit seinem Latein am Ende.

Aktuelle Nachrichten