«Es muss ein Ende haben»

In Frankreich zieht eine Affäre sexueller Belästigung durch einen Spitzenpolitiker ihre Kreise: Immer mehr Politikerinnen und Journalistinnen berichten über ihre eigenen Erfahrungen.

Stefan Brändle
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PARIS. Es war schon Feierabend, die Büros am Sitz der Grünen Partei leerten sich. Da wurde die Angestellte vom Abgeordneten Denis Baupin gebeten, noch schnell in sein Büro zu kommen – er habe ein Faxdokument für sie. Sie folgte ihm, trat ins Büro. «Da sprang er mich an wie ein Krake», erzählte die Frau gestern dem Radiosender France-Inter. «Er versuchte mich mit allen Mitteln zu küssen. Ich musste kämpfen. Und natürlich gab es keinerlei Fax.»

Erschreckt sei sie aus dem Büro geflüchtet, erzählte die Frau, die aus Rücksicht auf ihr Privatleben anonym bleiben will. Anders die frühere Parteimanagerin Geneviève Zdrojewski: Sie erklärte gestern, Baupin habe sie in den Toiletten gegen eine Wand gedrückt, darauf ihre Brüste gepackt und sie zu küssen versucht. Auch sie rettete sich, sprach aber vorerst mit niemandem darüber: «Das ist zu erniedrigend.»

Von Spitzenamt zurückgetreten

Nun brechen immer mehr Frauen in Paris das Schweigen. Der grüne Spitzenpolitiker Baupin war für sein zudringliches Benehmen anscheinend seit langem intern bekannt gewesen. Eine andere Frau berichtete, sie habe, als sie einem Parteikader davon erzählte, nur die seufzende Antwort erhalten: «Ach, beginnt er schon wieder!»

Der Gipfel der Affäre – Baupin machte in einer Kampagne gegen sexuelle Belästigung mit und liess sich dafür auch neben anderen Männern mit rot bemalten Lippen abbilden. Elen Debost, grüne Vizebürgermeisterin der Stadt Le Mans, konnte da nicht länger schweigen. Auf France-Inter erzählte sie, sie habe von Baupin zahllose SMS eindeutigen sexuellen Inhalts erhalten.

Es ist das erste Mal, dass sich Französinnen als Opfer sexueller Belästigung outen und auch die Täter benennen. Baupin streitet ab, dass er sich verbotener Handlungen strafbar gemacht habe. Bleibt der Umstand, dass mittlerweile über zehn Frauen unabhängig voneinander ähnliche Szenen oder SMS-Texte geschildert haben. Deshalb ist Baupin auch von seinem Amt als Vizepräsident der Nationalversammlung zurückgetreten.

Manifest von Ex-Ministerinnen

Sein Fall hat eine ganze Lawine von Reaktionen ausgelöst. Die Debatte ist nicht neu. Nach der Sexaffäre des früheren Direktors des Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn, im Jahre 2011 mit einer New Yorker Hotelangestellten erklärten zum Beispiel französische Journalistinnen in einem Appell in der linken Zeitung «Libération», sie seien «kein Freiwild» und hätten genug von schlüpfrigen Angeboten bei Recherchen. Namen nannten sie noch nicht; es gehe schliesslich, wie sie sagten, um die Sache, nicht um einzelne Schicksale.

Jetzt schwindet diese Zurückhaltung. Im Buch «Elysée Off» berichten zwei Autoren, wie Finanzminister Michel Sapin am Weltwirtschaftsforum in Davos zu einer mitgereisten Journalistin, die gerade ihren Kugelschreiber vom Boden auflas, scherzhaft gesagt habe: «Oh, was zeigen Sie mir denn da?» Darauf habe er das Gummiband ihres Slips angehoben und schnalzen lassen. Sapin, ein Schwergewicht der französischen Regierung, bestreitet jede sexistische Handlung, entschuldigte sich aber dafür, den freiliegenden Rücken der Frau berührt zu haben.

Dieses «Stringgate», wie sich die Pariser Presse ausdrückt, und die Baupin-Affäre haben nun 17 ehemalige Ministerinnen bewogen, sich in einem Manifest kollektiv zu äussern. «Wie alle Frauen, die in ein früher ausschliesslich männliches Milieu gelangt sind, haben wir Sexismus ertragen und dagegen kämpfen müssen», erklären neben andern die Sozialistin Elisabeth Guigou, die Konservative Nathalie Kosciusko-Morizet, die Grüne Cécile Duflot oder die derzeitige Währungsfonds-Chefin Christine Lagarde. «Es genügt. Es muss ein Ende mit der Immunität haben. Wir werden nicht länger schweigen. Wir ermutigen alle Opfer sexueller Belästigung oder Aggression, zu reden und Klage einzureichen.»

Ermittlungen aufgenommen

Im Fall des Abgeordneten Baupins hat die Staatsanwaltschaft Ermittlungen aufgenommen. Die Vorwürfe sind teils jahrealt und verjährt. Zudem ist seine Gattin Emmanuelle Cosse als grüne Wohnbauministerin in der Regierung. Sie erklärte, sie habe schon immer jede Art von Sexismus bekämpft, wahre aber ihr Vertrauen in ihren Mann, solange die gesetzliche Unschuldsvermutung gelte.

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