Es bröckelt im Parlament

Der Westminster-Palast ist baufällig und soll deshalb für mehrere Milliarden Pfund renoviert werden. Aber wohin mit den britischen Parlamentariern während des Umbaus? Ganz einfach: In eine neue Hauptstadt.

Sebastian Borger
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Direkt an der Themse: Der Westminster-Palast mit dem berühmten Glockenturm Big Ben ist Parlamentssitz und Touristenmagnet. (Bild: fotolia)

Direkt an der Themse: Der Westminster-Palast mit dem berühmten Glockenturm Big Ben ist Parlamentssitz und Touristenmagnet. (Bild: fotolia)

Eine Wildterrine gefällig, dazu Löwenzahnsalat? Lachs mit Gemüsetagliatelle? Zum Nachtisch eine Holundercrème? Vier Wochen lang haben Neugierige in diesem Frühjahr die Chance auf ein Essen, wie es sonst nur Ladies oder Lords erhalten. Während des britischen Wahlkampfes werkeln im Palast von Westminster normalerweise nur Handwerker, um die allernötigsten Reparaturen zu erledigen. Diesmal aber hat das Oberhaus einen seiner vornehm dekorierten Speisesäle zur Volksküche umgewandelt. Für vergleichsweise bescheidene 35 Pfund (50 Franken) dürfen Hinz und Kunz ein Dreigangmenu geniessen, die anschliessende Verdauungstour durchs britische Parlament inbegriffen.

Kosten von drei Milliarden Pfund

Der ungewöhnliche Zugang zum exklusivsten Londoner Club mit seinen 783 Mitgliedern wird von den Zuständigen mit der «Hoffnung auf Einkünfte» begründet. Freilich dürften die neugierigen Esser kaum mehr als einige zehntausend Pfund in die Parlamentskasse spülen – was nicht viel mehr ist als ein Tropfen auf den bröckelnden Stein. Was den Verantwortlichen nämlich in absehbarer Zeit ins geräumige Haus steht, ist eine Umbau- und Renovierungsrechnung, welche der Sprecher des Unterhauses John Bercow verschämt «nicht unbedeutend» nennt: drei Milliarden Pfund, umgerechnet 4,3 Milliarden Franken.

Undicht, rostig, zugig

Kein Zweifel: Der Palast ist baufällig. Der honigfarbene Kalkstein bröckelt. Es regnet durchs gusseiserne Dach, das bedrohlich Rost angesetzt hat. Ratten jagen durch die Gänge. Der Mobilfunkempfang ist bestenfalls sporadisch. Allerorten zieht es, weil viele der 3000 Fenster nicht mehr richtig schliessen. Und wann immer es etwas zu reparieren gibt, stossen die Handwerker auf Asbest aus den 1950er-Jahren. In den Aufzügen – der älteste stammt von 1893 – bleiben gern einmal Abgeordnete stecken, was der demokratischen Meinungsfindung nicht unbedingt zuträglich ist. Den teils 80 Jahre alten Heizungsrohren droht der Infarkt durch Jahrzehnte alte Kalkablagerungen, jederzeit könnte heisser Dampf den Plenarsaal des Unterhauses lahmlegen. «Die Gefahr einer grossen Krise wächst», warnt düster Richard Ware, der für Renovierung und Erneuerung des Palastes zuständige Beamte. Das Gebäude sei schliesslich «schon einmal niedergebrannt».

Feuersbrunst und Fliegerbomben

Damals, 1834, sollen die Londoner johlend zugesehen haben, wie ein gewaltiges Feuer den Treffpunkt ihrer Machthaber zerstörte. König Wilhelm IV. sah eine Chance, seinen ungeliebten Wohnsitz loszuwerden: Eilfertig bot der Monarch den Parlamentariern den Buckingham-Palast als neues Quartier an. Doch die wollten sich lieber gedulden. In rund 20jähriger Arbeit entstanden die Kammern von Ober- und Unterhaus sowie weite Teile des restlichen Palastes als Monumentalbau des viktorianischen Zeitalters. Architekt Charles Barry und sein genialer Gehilfe Augustus Pugin legten Königsthron, Oberhaus und Unterhaus in einer Achse an.

Nachdem deutsche Fliegerbomben den Plenarsaal des Unterhauses im Mai 1941 zerstört hatten, diskutierten die Abgeordneten über seinen Neubau. Ob man wie anderswo auf der Welt einen Halbkreis bauen oder die Parlamentarierbänke in Hufeisenform aufstellen solle? Nein, beharrte Kriegspremier Winston Churchill, die Kammer veranschauliche das britische Zweiparteiensystem, und jenes sei die Essenz der Demokratie à la Grossbritannien: «Wir formen unsere Gebäude, und anschliessend formen sie uns.»

Zu wenig Toiletten für Frauen

Genau dies legen Kritiker dem neugotischen Palast zur Last: Das Gebäude biete emotionale Heimstatt nur jenen, die von ihren Privatschulen und den Elite-Unis in Oxford und Cambridge her an altehrwürdige Gemäuer gewöhnt seien. Zudem wirke angesichts der neuen Vielfältigkeit in der britischen Politik die auf zwei Parteien ausgelegte Kammer antiquiert, so lustig das allwöchentliche Ritual der «Fragen an den Premierminister» auch daherkomme.

Zudem gibt es handfeste Nachteile eines vor 170 Jahren geplanten Gebäudes. Den zuletzt 139 Frauen unter den 650 Volksvertretern stehen viel zu wenige Toiletten in der Nähe des Plenarsaales zur Verfügung. Wer dort nicht zum Zuge kommt, «geht den Korridor entlang, eine Treppe hinunter, einen weiteren Korridor entlang und wendet sich bei den Geldautomaten rechts», erinnert sich die konservative Ex-Abgeordnete Ann Widdecombe.

Weiterwursteln geht nicht

So sieht die Realität aus in der Volksvertretung, die zum Unesco-Welterbe zählt. Man möchte den Klotz nicht missen, schon der Touristen wegen. Aber ist er noch geeignet als Parlament fürs 21. Jahrhundert? «Wäre der Palast nicht von höchster Bedeutung als nationales Kulturerbe, würde man dem Besitzer den Abbruch und Wiederaufbau des Gebäudes nahelegen», heisst es in einem Expertenbericht von 2012.

Stattdessen sollen die frischgewählten Parlamentarier in den nächsten Monaten ihren eigenen Umzug beschliessen. Denn die Experten lassen keinen Zweifel daran: So weiterwursteln wie bisher geht nicht, für den nötigen Radikalumbau brauchen Ingenieure und Handwerker einige Jahre lang freie Hand.

Schon lässt die Lokalzeitung von Manchester ihre Leser nach Ausweichquartieren in der nordenglischen Metropole suchen. Der Londoner Mieterschutzbund möchte die ungeliebten Politiker ins freudlose Hull schicken, dort befinden sich die Mieten auf einem landesweiten Tiefststand. Und mit dem Parlament solle auch gleich die Regierung umziehen, argumentieren Träumer wie Labour-Lord Andrew Adonis oder der Oxforder Geographieprofessor Danny Dorling: Eine Hauptstadt im Norden des Landes würde die enorme Konzentration von Politik, Wirtschafts- und Finanzmacht in London brechen. Immerhin stelle Grossbritannien mit seiner Metropole «unter englischsprachigen Ländern eine Ausnahme dar», so der Professor: «Denken Sie an Washington, Wellington oder Canberra» – weder in den USA noch in Neuseeland oder Australien sind die Wirtschafts- und Finanzmetropolen gleichzeitig auch Hauptstädte.

Ausweichen zu den Methodisten?

Freilich spricht viel, nicht zuletzt der Pragmatismus der Briten dafür, dass es am Ende doch zu einer näherliegenden Lösung kommt. Immerhin gibt es schon in Fussdistanz mehrere Gebäude, die als Ausweichquartier in Frage kommen. Dazu gehören die Central Hall der methodistischen Kirche sowie Church House, wo sich die Synode der Anglikaner versammelt. Warum also nicht dort? Ein wenig geistlicher Beistand wäre vielleicht eine schöne Ergänzung zu Wildterrine und Holundercrème.

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