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Erste Flüchtlinge abgeschoben

Gestern begann die zweite Phase des Flüchtlingsabkommens zwischen der EU und der Türkei: Die Rückschaffung von Flüchtlingen aus Griechenland in die Türkei. Jetzt sind dann aber zuerst die Asylbehörden gefordert.
Ferry Batzoglou

LESBOS. Noch ist die Sonne über der griechischen Ägäis-Insel Lesbos nicht aufgegangen, als die ersten Busse auf das abgeriegelte Hafengelände fahren. Nach und nach steigen 136 Flüchtlinge aus. Es sind junge Männer, dunkle Hautfarbe, kaum Gepäck. 124 sind aus Pakistan, vier aus Sri Lanka, drei aus Bangladesh, zwei Inder, ein Iraker und zwei Syrer. Sie haben eines gemeinsam: Sie haben keinen Asylantrag gestellt; alle werden in die Türkei zurückgebracht.

Ob Spezialeinheiten der Polizei mit Schlagstock und Schutzschild, Soldaten, Hafenpolizisten und die Mitarbeiter der Europäischen Grenzschutzagentur Frontex mit ihren auffällig hellblauen Westen: Die Sicherheitsbeamten sind in grosser Überzahl. Die 136 Flüchtlinge, die abgeschoben werden, leisten keinen Widerstand. Ruhig besteigen sie die beiden Schiffe, die vor Anker liegen, die Fähren Lesvos und Nazli Jale. Jeder Migrant wird von einem Frontex-Beamten begleitet.

Früher als mitgeteilt

Um 7.11 Uhr legt die «Lesvos» ab – um kurz darauf wieder anzulegen. Ein junger Mann rennt auf dem Kai mit einem Sack in der Hand zum Schiff und übergibt ihn einem Sicherheitsbeamten. Der Sack muss offensichtlich noch mit. Der Beamte schaut kurz hinein, hebt dann den Kopf: Alles okay! Die «Lesvos» legt wieder ab, jetzt endgültig. Um 7.26 Uhr ist dann die «Nazli Jale» so weit. Auch sie fährt nun nach Dikili, in die 18 000 Einwohner zählende Küstenstadt im Westen der Türkei, genau gegenüber von Lesbos. Um 9.20 Uhr kommt sie dort an.

Der «D-Day» in der Flüchtlingskrise, die Europa seit Monaten in seinen Grundfesten erschüttert, beginnt an diesem warmen Montagmorgen Anfang April auf Lesbos. Und er begann früher als ursprünglich bekanntgegeben. Grund: die Angst vor Protesten gegen die ersten Abschiebungen von Flüchtlingen gemäss dem EU-Türkei-Flüchtlingsabkommen. Die Rechnung der Behörden ist aufgegangen. Demonstranten wollten sich erst um acht Uhr am Hafen treffen, war doch die erste Fahrt in die Türkei für 10 Uhr vorgesehen. So stehen nur wenige Sympathisanten der Migranten hinter der Absperrung, die meisten sind Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen. Sie sind hilflos, sie können nichts ausrichten. Nur ihre Parolen sind zu hören. «Turkey ist not a safe country», skandieren sie, «die Türkei ist kein sicheres Land».

Vorerst wieder abgeblasen

Die Polizeiaktion begann schon tief in der Nacht. Um drei Uhr früh werden alle 136 Flüchtlinge im Hotspot Lesbos im Ort Moria geweckt, vier Kilometer nördlich vom Hauptort Mytilini. Sie müssen sich peniblen Leibesvisitationen unterziehen. Dann werden sie mit einem halben Dutzend Bussen zum Hafen gebracht. Dort werden sie erneut kontrolliert.

Ursprünglich sollten die beiden Fähren Lesvos und Nazli Jale der türkischen Schifffahrtsgesellschaft TurYol von gestern bis morgen Mittwoch insgesamt 750 Migranten von Lesbos nach Dikili bringen. Konkret sollte die «Nazli Jale» zweimal pro Tag jeweils einhundert Migranten transportieren, also insgesamt sechshundert. Die «Lesvos» sollte zudem einmal pro Tag weitere fünfzig Migranten nach Dikili befördern, also 150 Personen. Doch die weiteren Rückführungen sind gestern erst einmal abgeblasen worden. Unklar war zunächst, wann sie weitergehen.

Der Grund: Abgeschoben werden sollen zwar erst einmal nur jene «illegalen Einwanderer», wie es im Behördenjargon heisst, die seit dem 20. März von der Türkei nach Griechenland und damit in die EU gekommen sind. Von ihnen allerdings auch nur jene, die keinen Asylantrag gestellt haben. So sieht es das EU-Türkei-Abkommen vor.

Fast alle Asylanträge gestellt

Nur – bis gestern morgen früh hatten fast alle der bis dahin offiziell 3357 Flüchtlinge im Hotspot auf Lesbos einen Asylantrag gestellt – die meisten buchstäblich in letzter Minute. So haben sie ihre umgehende Abschiebung in die Türkei verhindert. Zumindest vorerst. Bis gestern morgen früh zählte die Athener Regierung insgesamt 6156 Flüchtlinge auf den Inseln Lesbos, Chios, Samos, Leros, Kos, Rhodos sowie Megisti.

Auch auf Chios, der Nachbarinsel von Lesbos, begannen zwar gestern morgen die ersten Abschiebungen. Die Prozedur lief genauso ab wie jene auf Lesbos. 66 Flüchtlinge brachte die Fähre Erturk von Chios nach Dikili. Doch auch auf Chios haben fast alle anderen Insassen des dortigen Hotspots unterdessen einen Asylantrag gestellt. Sie dürfen noch hoffen – wie die anderen Neuankömmlinge. Auf ein besseres Leben in Europa. Oder auf ein paar Tage länger in Griechenland – bis zu ihrer Abschiebung.

514 Flüchtlinge angekommen

Die Zuwanderung von Flüchtlingen aus der Türkei nach Griechenland reisst auf jeden Fall nicht ab: Im gleichen Moment, als die beiden Fähren aus Lesbos mit den 136 abgeschobenen Migranten an Bord die Fahrt nach Dikili aufnehmen, fährt in umgekehrter Richtung ein Schiff der griechischen Küstenwache in den Hafen ein. Es hat 57 Neuankömmlinge an Bord. Die Küstenwache hat die Flüchtlinge und Migranten am Morgen in griechischen Gewässern aufgenommen. Insgesamt belief sich die Zahl der Neuankömmlinge auf allen griechischen Inseln von Sonntag bis gestern morgen in der Frühe auf 514 – 514 individuelle Schicksale.

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