Erst rasselt’s, dann scheppert’s

Kopf des Tages

Balz Bruder
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Syrien-Krise Caritas-Direktor Hugo Fasel bereist das Kriegsgebiet, trifft vor Ort Betroffene und macht in der Heimat jene aus, die an der Katastrophe vorbeischauen.

«That’s crazy», sagt Hugo Fasel und setzt sich im syrischen Homs auf eine Holzkiste. Den Blick hat der Caritas-Direktor auf die Zerstörungen des Krieges gerichtet, die aus der einst blühenden Stadt eine Ruine gemacht haben. Es ist eine Szenerie, in die der Weltverbesserer Fasel passt – in seiner Funktion als Chef eines grossen Hilfswerks ebenso wie als politischer Überzeugungs­täter, der er ist. Einer mit einschlägiger Erfahrung, notabene: Der bald 63-jährige Freiburger Ökonom sass zwischen 1991 und 2008 für die CSP im Nationalrat und war Präsident der Gewerkschaft Travail Suisse. Dabei liess er wenig Gelegenheiten aus, unter dem markanten Schnauz in seinem unverkennbaren Idiom die Missstände in der (Arbeits-)Welt zu geisseln.

An den guten Absichten fehlte und fehlt es dem zweifachen Familienvater dabei nie. Auch nicht, wenn er mit betroffener Miene durch bürgerkriegsversehrte Städte wandelt, mit Betroffenen an den Tisch sitzt, um ihre Sorgen und Nöte zu erörtern, den Mächtigen vor Ort die Hand schüttelt und ihnen ins Gewissen redet – und nach getaner Arbeit, flankiert vom langjährigen Weggefährten Martin Flügel, zu Hause vom Elend berichtet, das auf dieser Welt zu bekämpfen ist.

So auch nach der Syrien-Reise, die Fasel jüngst unternommen hat. Caritas ist in Syrien sowie in den Nachbarstaaten Libanon und Jordanien humanitär stark engagiert. ­ Umso grösser ist das Unverständnis von Fasel, dass es ­ die Staaten­gemeinschaft partout nicht schafft, jene Hilfs­gelder bereitzustellen, die es bräuchte, um das Leid der Kriegsopfer zu lindern. Für Fasel ist deshalb klar: «Die Schweiz muss mit dem guten Beispiel vorangehen und ihre jährliche Syrienhilfe von durchschnittlich 50 auf 100 Millionen Franken erhöhen.» Vor allem für Kinder und junge Erwachsene tue Unterstützung Not.

Doch nicht nur dies: Auch die Situation syrischer Kriegsvertriebener müsse verbessert werden, fordert Fasel. In der Tat befinden sich von den knapp 17000 syrischen Flüchtlingen in der Schweiz 7000 im Status der vorläufigen Aufnahme. Das gehe nicht, findet Fasel: «Notwendig ist ein Aufenthaltsrecht, das ihnen Schutz bietet und die Eingliederung in Arbeitsmarkt und Gesellschaft fördert.» Denn zurückkehren könnten sie nicht – und ohne Integration fehle auch die Perspektive in der neuen Heimat.

Die Ansage war klar – und der Adressat bestimmt. Die Botschaft über die zu wenig tätige Schweiz richtete sich insbesondere an Aussenminister Ignazio Cassis, der in der vergangenen Woche in Asien unterwegs war. Cassis, so Fasel, habe Syrien schlicht und ergreifend nicht auf dem Radar und erst bemerkt, «dass es Syrien überhaupt gibt», weil sich Hilfsorganisationen wie die Caritas engagierten. Doch damit nicht genug: «Der Aussenminister könnte sich auch einmal bei den Chinesen für die Zivilbevölkerung und für die Flüchtlinge aus Syrien starkmachen – aber der denkt ja nicht einmal daran», redete sich Fasel gegenüber dem «Blick» in Rage.

«That’s necessary», könnte der Caritas-Direktor dazu sagen. Denn kaum einer weiss besser als er, wie das Geschäft mit der medial in Schwung gebrachten politischen Rassel und dem nachfolgenden Scheppern der Spendenbüchse funktioniert.

Balz Bruder