Erneut blutige Kämpfe

Trotz des Jahrestags des Sieges über Nazi-Deutschland ist es in der Ukraine zu weiteren Zusammenstössen gekommen. Morgen finden im Osten Unabhängigkeits-Referenden statt.

Paul Flückiger
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Feiernde Separatisten in der Stadt Slowjansk. (Bild: epa/Roman Pilipey)

Feiernde Separatisten in der Stadt Slowjansk. (Bild: epa/Roman Pilipey)

MINSK. Kinder winken in der weissrussischen Hauptstadt mit Fähnchen, Frauen halten rote und grüne Luftballone wie grosse Blumensträusse, würdig gehen die letzten überlebenden Kriegsveteranen. Und mitten drin zeigt sich Präsident Aleksandr Lukaschenko betont ernst und locker zugleich. Selten gab sich der Autokrat am Jahrestag des Sieges über Hitler-Deutschland im Zweiten Weltkrieg so volkstümlich wie gestern. Die Ukraine-Krise hat ihn das Fürchten gelehrt. «In der nahen, uns brüderlich verbundenen Ukraine schiesst Bruder auf Bruder», sagte er in einer kurzen Rede unter der Siegessäule in Minsk. Gewisse Politiker würden souveräne Staaten destabilisieren, sagte er, und alle verstanden, dass damit für einmal nicht der böse Westen, sondern Russland gemeint war. Die Armee sei bereit, ein ähnliches Szenario abzuwehren, sagte Lukaschenko.

Kaum Feiern in der Ukraine

In der 450 Kilometer entfernten ukrainischen Hauptstadt Kiew verzichtete die Regierung derweil auf grosse Siegesfeiern. Der 9. Mai ist in der ganzen früheren Sowjetunion ein wichtiger Feiertag, doch einerseits ist wenigen in der Ukraine wirklich zum Feiern zumute, anderseits wollte die Übergangsregierung das Sicherheitsrisiko möglichst gering halten. Wer Kränze im «Park der Ewigen Ehre» niederlegen wollte, musste strenge Sicherheitskontrollen über sich ergehen lassen.

Auf traditionelle Weise gefeiert wurde der 69. Jahrestag am ehesten in der Ostukraine. Doch auch dort waren die Feiern klein. In Donezk gab es eine offizielle ukrainische Feier und eine Gegenveranstaltung der Separatisten. In Lugansk wurden an der von den pro-russischen Separatisten organisierten 9.-Mai-Feier vor allem russische Fahnen geschwenkt. Im südukrainischen Odessa, wo vor Wochenfrist bei Zusammenstössen 46 Personen ums Leben kamen, hatte der neue Gouverneur die Zurschaustellung ausländischer Flaggen – gemeint waren vor allem russische – verboten.

Viele Todesopfer in Mariupol

Während die meisten Siegesfeiern ruhig blieben, kam es gestern im Südosten und im Süden der Ukraine zu blutigen Zusammenstössen. Die Auseinandersetzungen zwischen der ukrainischen Armee und pro-russischen Separatisten verlegten sich vor allem in die Hafenstadt Mariupol im Verwaltungsbezirk Donezk. Laut dem ukrainischen Innenministerium kamen dort mindestens 20 Milizionäre und ein Polizist ums Leben. Zu den Umständen gab es widersprüchliche Angaben. Anscheinend starben die Menschen im Kampf um verschiedene Gebäude. Aus der Stadt stiegen am Mittag dicke Rauchsäulen auf.

Aus dem Norden des aufständischen Verwaltungsbezirks Donezk meldete das lokale Internetportal «Ostrov» die Erschiessung eines orthodoxen Geistlichen an einer Strassensperre der Separatisten bei Kramatorsk.

In der Provinzstadt Ismail im Verwaltungsbezirk Odessa an der Grenze zu Moldawien und Rumänien wurde in der Nacht auf gestern ein unabhängiger Stadtparlamentarier lebensgefährlich angeschossen. Der Hintergrund der Tat ist noch unklar, indes versuchen pro-russische Kräfte seit geraumer Zeit, den Konflikt vom Donbass in die Südukraine zu tragen.

Referenden weiter vorbereitet

In der Rebellenhochburg Slowjansk wurden gestern keine ukrainischen Truppen gesichtet. Die 120 000 Einwohner zählende Stadt bereitete sich wie die ganze «Volksrepublik Donezk» (14 Städte von Separatisten kontrolliert) und die «Volksrepublik Lugansk» (vier Städte) auf das für morgen geplante Referendum über die Abspaltung von der Ukraine vor. Russlands Präsident Putin hatte am Mittwoch die pro-russischen Separatisten überraschend um eine Verschiebung der Referenden ersucht.

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