Erdogans Mob formiert sich

Nach dem gescheiterten Militärputsch greift die türkische Regierung mit aller Härte durch. Bereits wurden 13 000 Staatsbedienstete suspendiert. Kritik an Staatschef Erdogan wagt niemand mehr.

Jürgen Gottschlich/Istanbul
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Ein Armee-Angehöriger wird von türkischen Polizisten abgeführt. (Bild: getty/Ozan Kose)

Ein Armee-Angehöriger wird von türkischen Polizisten abgeführt. (Bild: getty/Ozan Kose)

Die «Krebsgeschwüre herausschneiden» und die «Institutionen umfassend säubern»: Dies hatte Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan bereits in der Putschnacht von Freitag gefordert. Jetzt, drei Tage später, wird die Säuberungswelle zu einer regelrechten Flut. Bereits um sieben Uhr morgens verlas gestern eine Nachrichtensprecherin während Minuten eine Liste mit den Namen hoher Generäle und Admirale, die bis zu diesem Zeitpunkt verhaftet wurden. Danach ging es Schlag auf Schlag weiter. Rund 8000 Polizisten, die im Verdacht stehen, mit den Putschisten zu sympathisieren, wurden suspendiert. Etliche von ihnen sollen angeklagt werden. Dann meldete das Innenministerium, 13 000 zivile Beamte würden freigesetzt, unter ihnen 30 Gouverneure. Diese sind die von der Regierung eingesetzten Provinzfürsten; mehr als ein Drittel von ihnen wurde von der Regierung nun gechasst.

Der Kopf der Putschisten

Die Geschwindigkeit, mit der die Erdogan-Administration nun die gesamten Institutionen der Republik umbaut, ist schwindelerregend – und einschüchternd. Kein Staatsangestellter weiss im Moment, ob er morgen noch im Amt sein wird oder ob er vielleicht schon im Gefängnis steckt. Wurden zuerst vor allem die Armee und der Justizapparat «gesäubert», sind jetzt praktisch alle Institutionen betroffen. Angefangen von den Gouverneuren bis zu Diplomaten, Universitätsrektoren und Mitarbeitern der Telecom kann sich niemand mehr sicher sein. Für alle Staatsangestellten ist ein Ausreiseverbot verhängt worden. Staatsangestellte haben in der Türkei einen grünen Sonderpass, mit dem sie visafrei in die EU ausreisen können. Etliche Besitzer dieser grünen Pässe wurden gestern am Flughafen gestoppt.

Mittlerweile kursieren auch erste Listen von Journalisten, die verhaftet werden sollen. Dazu gehören Chefredaktoren und Kolumnisten verschiedener Zeitungen. Einige von ihnen befinden sich bereits im Ausland, andere können nur hoffen, dass die Liste nicht stimmt.

Vor allem innerhalb der Armee hat nun aber eine Verhaftungswelle eingesetzt, die an Methoden aus anderen Zeiten erinnert. Ständig flimmern Bilder über die TV-Kanäle, auf denen abgeführte Soldaten gezeigt werden. Besonders prominent wurde Akin Öztürk ins Bild gerückt. Der ehemalige Chef der Luftwaffe, darin ist sich die veröffentlichte Meinung nun einig, war der Kopf der Putschisten. Ausgerechnet Akin, der bis 2015 Chef der Luftwaffe war und nach seiner Pensionierung von Erdogan persönlich gebeten wurde, Mitglied des höchsten Militärrates zu werden, soll nun der «Schurke» sein. Im Fernsehen wurde er in abgerissener Zivilkleidung gezeigt, sein Gesicht geschwollen und die Arme von Prügel gezeichnet. Gemäss staatlicher Nachrichtenagentur Anadolu soll Öztürk seine Beteiligung am Umsturzversuch gestern abend zuerst zugegeben und dann dementiert haben.

Dündar wird als Held gefeiert

Vieles bleibt unklar. Sicher ist nur: So, wie es jetzt einen Schurken gibt, gibt es auch einen Helden. Ümit Dündar, der Chef der 1. Armee, die in Istanbul stationiert ist, soll der Retter Erdogans sein. Nach den gestern gestreuten Informationen soll Dündar den türkischen Präsidenten in dessen Feriendomizil fünf Stunden vor Beginn des Putschversuches gewarnt haben. Erdogan hatte damit die Möglichkeit, sein Hotel zu verlassen und sich provisorisch in Sicherheit zu bringen. Danach habe ihm Dündar gesagt: «Kommen Sie nach Istanbul, ich garantiere für Ihre Sicherheit.» Truppen von Dündar vertrieben dann die Putschisten am Flughafen und räumten die Bosporus-Brücken. Als später Soldaten im Hotel auftauchten, in dem sich Erdogan zuvor aufgehalten hatte, war dieser bereits weg. Noch in der Putschnacht wurde Dündar zum provisorischen Generalstabschef befördert.

Massive Gewalt

Aber nicht nur in den Institutionen, auch auf der Strasse halten Erdogan und seine Regierung den Druck systematisch aufrecht. Sogenannte «Bürgerwachen» sollen auf Strassen und Plätzen dafür sorgen, dass kein Putschist mehr sein Haupt erhebt. Das führte bereits zu erheblichen Gewaltexzessen. In der Nacht von Sonntag auf Montag wurde in Konya nach unbestätigten Informationen in den sozialen Medien eine Polizeistation gestürmt, in etlichen anderen Städten patrouillierten Schläger der AKP mit Knüppeln ausgerüstet durch die Strassen, um es vermeintlichen Putschsympathisanten «zu zeigen». Ebenfalls unbestätigt blieben Meldungen, wonach der Mob mehrere Schulen, die der Gülen-Bewegung angehören, in Brand gesteckt haben soll. Bestätigt wurden dagegen Meldungen, dass im östlichen Malatya ein Mob in das alevitische Viertel gezogen war, um dort die «Ungläubigen» zu bestrafen. Nur das Eingreifen des Gouverneurs konnte offenbar das Schlimmste verhindern.

Dieser durch den Staatspräsidenten legitimierte Mob hatte bereits in der Putschnacht Greueltaten begangen. Sechs junge Soldaten, die sich auf der Bosporus-Brücke bereits ergeben hatten, wurden regelrecht gelyncht. Trotz offizieller Dementis bestätigt sich jetzt, dass einem Soldaten die Kehle durchgeschnitten und ein anderer sogar nach IS-Manier geköpft wurde. Die Erdogan-Anhänger sehen sich nun am Ziel ihrer langgehegten Wünsche. Demonstranten auf dem Taksim-Platz in Istanbul sagten, das sei nun ihr Aufstand und der Gezi-Aufstand vor drei Jahren sei damit endgültig ausgelöscht. Alle nicht zum Erdogan-Lager gehörenden Bewohner der Türkei haben sich dagegen aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Niemand wagt Kritik. In regierungsnahen Blättern heisst es, wer davon reden würde, der Putsch sei doch inszeniert, sei selber ein Putschist. Für kritische Äusserungen ist derzeit kein Raum mehr.

Kurswechsel bei «Hürriyet»

In einer im Fernsehen übertragenen Kabinettssitzung dankte Ministerpräsident Binali Yildirim dem «heldenhaften Volk», der gefügig gemachten Opposition und den Medien, die sich den Putschisten in den Weg gestellt hätten. Vor allem bei dem bislang regierungskritischen Dogan-Konzern, zu dem «Hürriyet» als Flaggschiff gehört, bahnt sich nun ein Kurswechsel an. Im TV-Sender CNN Türk, ebenfalls ein Dogan-Sender, hatte Erdogan in der Putschnacht per Smartphone seinen Aufruf zum Widerstand gegen die Putschisten unter die Leute bringen können, nun wird der Konzern wohl seine Kontroverse mit Erdogan begraben. Die «Demokratie» hat gesiegt, die «neue Türkei» betritt die Weltbühne.