Erdogan, die Turkmenen und die Jihad-Internationale

DAMASKUS/LIMASSOL. Am Tag nach dem Abschuss des russischen Jagdbombers signalisierte der türkische Präsident scheinbar Entspannung. Man denke jetzt nicht an Eskalation, verkündete Erdogan. Man werde aber die eigene Sicherheit sowie das «Recht unserer Brüder» verteidigen.

Michael Wrase
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DAMASKUS/LIMASSOL. Am Tag nach dem Abschuss des russischen Jagdbombers signalisierte der türkische Präsident scheinbar Entspannung. Man denke jetzt nicht an Eskalation, verkündete Erdogan. Man werde aber die eigene Sicherheit sowie das «Recht unserer Brüder» verteidigen. Damit gemeint sind rund 200 000 Angehörige der turkmenischen Minderheit in Syrien, die sich der Türkei wegen der gemeinsamen Sprache und Kultur verbunden fühlen.

Aus China und aus Ex-UdSSR

Nach dem Beginn des Aufstandes gegen das Assad-Regime, haben sich viele Turkmenen der «Küstendivision» der von der Türkei ausgerüsteten «Freien Syrischen Armee» (FSA) angeschlossen. Ihre Aufgabe war es, sich durch die dicht bewaldeten kurdischen und turkmenischen Berge zur Mittelmeerküste um die Alawiten-Hochburg nach Latakia durchzuschlagen.

Da die syrischen Turkmenen mit dieser Aufgabe allein überfordert waren, wurden sie bald von anderen turkstämmigen Kämpfern unterstützt. Diese kamen aus Kirgisien, dem chinesischen Xinjiang, Usbekistan sowie den russischen Kaukasusrepubliken Tschetschenien und Dagestan nach Syrien. Dass es sich bei ihnen um Jihadisten handelte, die sich dem Al-Qaida-Ableger Nusra-Front verbunden fühlen, wurde von den gemässigten Turkmenen und auch von Ankara lange geduldet.

Brutalität und Erfahrung

Was im Kampf gegen die Assad-Armee gebraucht wurde, waren Rücksichtslosigkeit, Brutalität und Erfahrung, die die turkstämmigen Jihadisten aus Afghanistan, Kaschmir und Tschetschenien mitbrachten.

Mehr als 4000 Kämpfer umfasst die vom türkischen Militärgeheimdienst nach Nordsyrien geschleuste «turkmenische Internationale». Ihre Kommandanten sind meist Tschetschenen, die sich in den wild zerklüfteten Bergregionen Syriens wie zu Hause fühlen. Dennoch haben sie ihre militärischen Ziele bisher nicht erreicht.

Schiitische und russische Hilfe

Immer wenn die syrischen Regierungstruppen am Rande einer Niederlage waren, erhielten sie Verstärkung: Von der Hisbollah, iranischen Revolutionsgardisten und zuletzt von der russischen Luftwaffe, die seit dem 15. November eine grössere Offensive der Assad-Armee in den turkmenischen und kurdischen Bergen Nordsyriens unterstützt. Das Ziel dieser Unterstützung ist, die Kontrolle über die Grenze zur Türkei zurückzugewinnen. Gemässigte und radikale Rebellen könnten dann nicht mehr von der Türkei mit Waffen beliefert werden, was für den Widerstand, aber auch für Ankara einen schweren Rückschlag bedeutete.

Entsprechend erbittert wird gegenwärtig in Nordsyrien gekämpft: Mehr als 200 Quadratkilometer Bergland wollen Assads Truppen in den letzten Wochen zurückerobert haben, nachdem ihnen die russische Luftwaffe die Wege freigebombt hatte. Gestern soll die russische Kriegsmarine aus dem östlichen Mittelmeer sogar vier Marschflugkörper auf Ziele turkmenischer Rebellen abgefeuert haben.

Moskau, so scheint es, will nach dem Verlust seines Kampfjets Stärke demonstrieren. So sei der zweite Pilot des abgeschossenen russischen Jets in einem gemeinsamen Sondereinsatz syrischer und russischer Kräfte in Sicherheit gebracht worden, sagte der russische Verteidigungsminister Schoigu gestern.

Erdogans riskantes Versprechen

Sollte der türkische Präsident sein Versprechen von gestern erfüllen und seine von Jihadisten unterstützten «Brüder» wirklich beschützen, dann müsste die türkische Armee in Syrien womöglich direkt intervenieren. Weitere Konfrontationen mit der russischen Luftwaffe wären dann unvermeidlich. Der sogenannte Antiterrorkrieg in Syrien könnte dann eine für alle Parteien verhängnisvolle Wende nehmen.