Erdbeben
«Hoffe, dass ich es nie mehr miterleben muss»: Ein Schweizer erinnert sich an eine der grössten Tragödien Neuseelands

Vor 10 Jahren erschütterte ein gewaltiges Erdbeben die Stadt Christchurch. 185 Menschen starben. Roland Lüthi hat die Katastrophe hautnah erlebt – und er erzählt wie es ist, wenn Erdbeben praktisch zum Alltag gehören.

Matthias Stadler aus Christchurch
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Trümmer auf den Strassen von Christchurch: Vor fast genau 10 Jahren riss ein Erdbeben in der zweitgrössten Stadt Neuseelands 185 Menschen in den Tod.

Trümmer auf den Strassen von Christchurch: Vor fast genau 10 Jahren riss ein Erdbeben in der zweitgrössten Stadt Neuseelands 185 Menschen in den Tod.

Bild: AP Photo/Xinhua, Pu Rui

Es ist ein Jahrestag, auf den die Neuseeländer gerne verzichten würden. Am 22. Februar 2011 bebte in Christchurch, der zweitgrössten Stadt des Landes, die Erde so stark, dass Hunderte Gebäude im Zentrum einstürzten und Strassen aufgerissen wurden. 185 Menschenleben forderte die Tragödie. Es ist nach dem Beben im Jahr 1931 mit 258 Toten das zweitschlimmste in der Geschichte des Landes.

Der Auslandschweizer Roland Lüthi vor der beschädigten Kathedrale in Christchurch, aufgenommen am 9. Februar 2021.

Der Auslandschweizer Roland Lüthi vor der beschädigten Kathedrale in Christchurch, aufgenommen am 9. Februar 2021.

Bild: Matthias Stadler

Zehn Jahre ist es nun also her, seit das Beben mit einer Stärke von 6,3 auf der Richterskala grosse Teile Christchurchs in Schutt und Asche legte. Vor Ort war damals auch der Auslandschweizer Roland Lüthi. Er sass mit seiner Ehefrau zur Mittagszeit in seinem Haus in einem Vorort, als es plötzlich rumpelte: «Das ganze Haus wurde durchgeschüttelt», erinnert er sich im Gespräch mit unserer Zeitung.

Überall lagen Trümmer auf der Strasse

Nachdem der erste Schock vorbei war und sie unter dem Türrahmen Schutz gesucht hatten, war für das Ehepaar klar, dass es die beiden Kinder von Schule abholen musste. «Doch überall lagen Trümmer auf der Strasse. Es war schwierig, mit dem Auto überhaupt von A nach B zu kommen.» Schnell begriff Roland Lüthi: Sie hatten Glück im Unglück gehabt. Zwar war das Haus beschädigt, doch die Familie blieb unversehrt.

Feuerwehrleute vor einem eingestürzten Gebäude an der Colombo Street.

Feuerwehrleute vor einem eingestürzten Gebäude an der Colombo Street.

Bild: Mark Baker / AP

Dass es im südlichen Teil Neuseelands zu Erdbeben kommt, ist keine Seltenheit. Dies wegen der Grenzlinie der pazifischen und australischen Platte, die sich dort unter der Oberfläche befindet. Fast wöchentlich gibt es Meldungen, dass hier oder dort wieder die Erde gebebt hat.

Die Einwohner sind sich kleineres und grösseres Rumpeln entsprechend gewöhnt. Nach dem Erdbeben im Februar 2011, das selber ein Nachbeben des sogenannten Darfield-Erdbebens im September zuvor war, wurden in der Stadt Tausende weitere kleinere und grössere Erdstösse registriert.

Berner Oberländer bleibt vor Ort

Nach der Katastrophe zog es viele Einwohner weg aus der Stadt. Sie hatten genug von der konstanten Gefahr. Nicht so Roland Lüthi. Der in Interlaken aufgewachsene Auslandschweizer lebt auch heute noch in Christchurch. Der 54-Jährige, der 1994 nach Neuseeland auswanderte, blieb, «denn mir gefällt es in der Stadt und in der Umgebung nach wie vor gut».

Auch die Kathedrale von Christchurch wurde bei dem Erdbeben beschädigt.

Auch die Kathedrale von Christchurch wurde bei dem Erdbeben beschädigt.

Bild: Mark Baker / AP

Direkt nach der Tragödie half er als selbständiger Bauunternehmer beim Wiederaufbau Dutzender Häuser mit. «So schlimm es tönt: Aber für die Wirtschaft und auch für mein Unternehmen war das Erdbeben nicht nur schlecht, denn es hat während einer Rezession viel Arbeit in die Stadt gebracht.»

Heute denkt er nicht mehr oft an die nach wie vor latente Gefahr: «Natürlich ist mir klar, dass der Untergrund hier sehr aktiv ist und es wieder rumpeln könnte. Doch ich verdränge solche Gedanken. Denn man kann ja nicht mit einer konstanten Angst durch das Leben gehen und immer nur ans Schlimmste Denken.» Doch wenn dann jeweils ein kleines Beben auftritt, habe er manchmal «fast eine Herzattacke. Ich hoffe, dass ich es niemals mehr miterleben muss», sagt er.

Wie auf einer Achterbahn

Ein Erdbebenexperte kann ihn zumindest teilweise beruhigen: «Die Wahrscheinlichkeit eines ähnlich schlimmen Erdbebens in der vorhersehbaren Zukunft ist ziemlich klein», sagt Jarg Pettinga, Professor an der Universität von Canterbury in Christchurch. Auch, weil die Konstellation anders war als bei einem herkömmlichen Erdbeben.

«Normalerweise bewegt sich der Boden von links nach rechts und umgekehrt, was auch die Gebäude einigermassen wegstecken können», erklärt Roland Lüthi, der nach wie vor in der Baubranche tätig ist. «Doch damals ging es rauf und runter, wie auf einer Achterbahn.» Das führte laut Jarg Pettinga dazu, dass sich Wasser freisetzen konnte und der Boden so noch instabiler wurde, was zu grossen Schäden geführt habe.

Zudem lag das Epizentrum lediglich wenige Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. So kollabierte in der Innenstadt ein Teil der Kathedrale von Christchurch – dem Wahrzeichen der Stadt –, die seit über 130 Jahren dort gestanden war. Am schlimmsten traf es allerdings den Hauptsitz des regionalen Fernsehsenders. Teile des mehrstöckigen Gebäudes fielen zusammen wie ein Kartenhaus, woraufhin dort ein Feuer ausbrach. 115 Personen starben alleine in diesem Gebäude.

«Wenn das Epizentrum nur 100 Kilometer weiter nördlich gelegen wäre, hätte es kaum Schäden in Christchurch gegeben», führt der Erdbebenexperte aus. Ein Beben mit dieser Konstellation in Stadtnähe komme normalerweise nur alle paar Tausend Jahre vor. Aber trotzdem, das Erdinnere unter der Gegend sei aktiv, weswegen es nie eine hundertprozentige Sicherheit gebe. Davon einschüchtern lässt sich der Auslandschweizer Roland Lüthi jedoch nicht.

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