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ERDBEBEN: Die Angst, vergessen zu werden

Ein Jahr nach dem schweren Erdbeben in Mittelitalien ärgern sich die Bewohner über die schleppende Räumung der Trümmerberge. Vom Wiederaufbau sind Amatrice und die umliegenden Gemeinden noch meilenweit entfernt.
Dominik Straub, Amatrice
Wer in der Armee weitermacht, der profitiert unter gewissen Umständen im Studium. (Bild: VBS/DDPS)

Wer in der Armee weitermacht, der profitiert unter gewissen Umständen im Studium. (Bild: VBS/DDPS)

Dominik Straub, Amatrice

Enzo Bizzoni sitzt mit Freunden und Bekannten in der Bar Rinascimento an der Hauptstrasse wenige Meter vor dem Ortseingang von Amatrice. Es herrscht viel Betrieb an diesem strahlenden Spätsommertag: «Es sind viele Einheimische unterwegs, aber auch zahlreiche Römer, die hier früher ihre Ferienhäuser hatten und zu uns hinaufkommen – aus Solidarität oder auch nur um zu sehen, was passiert», sagt der 58-Jährige. Amatrice ist aber auch zum beliebten Ziel von Schaulustigen geworden; Bürgermeister Sergio Pirozzi musste ein Selfie-Verbot erlassen und den Katastrophen-Touristen in Erinnerung rufen, dass an diesem Ort am 24. August 2016 über 200 Menschen ihr Leben verloren haben.

Die Bar Rinascimento befindet sich in einem der ganz wenigen Gebäude, die in Amatrice beim Beben vor einem Jahr unversehrt geblieben sind. Sie ist erst vor kurzem eröffnet worden; früher befand sich darin ein Antiquitätengeschäft. «Rinascimento» bedeutet Wiedergeburt. Hier treffen sich Einheimische, Zivilschützer und Feuerwehrmänner zu einem Espresso und zu einem Schwatz. «Es ist wichtig für uns, dass wir uns treffen und austauschen können. Das Erdbeben hat tiefe Wunden hinterlassen. Sie schmerzen etwas weniger, wenn man sich austauschen und sein Leid teilen kann», sagt Bizzoni.

Asbest, Nachbeben und die Mafia

Von Wiedergeburt ist in Amatrice ein Jahr nach dem Beben freilich wenig zu sehen. Das, was einst eine Kleinstadt mit 2000 Einwohnern gewesen war, ist nach wie vor ein Trümmerfeld. Im ganzen Erdbebengebiet Mittelitaliens wurden 240000 Häuser zerstört oder beschädigt; aus den betroffenen Gemeinden müssen rund 2,5 Millionen Tonnen Schutt weggeräumt werden. Abtransportiert sind laut behördlichen Schätzungen erst 12 Prozent des Schutts. «Seit dem Beben sehen wir hier sehr viel mehr Ordnungskräfte und Soldaten, welche die abgesperrte ‹rote Zone› sichern, als Bauarbeiter», ärgert sich Bizzoni.

Die schleppende Räumung der Trümmerberge hat bei den Betroffenen in den letzten Wochen und Monaten zu Verbitterung und Protestkundgebungen geführt. Die Verzögerungen lassen sich aber zum Teil begründen: Die Arbeiten wurden durch insgesamt 70000 Nachbeben erschwert, die Sicherung der noch vorhandenen Bausubstanz hatte Prio­rität. Zudem befinden sich im Schutt auch Asbest und anderer Sondermüll. Die Vorsichtsmassnahmen, um die Infiltration der Mafia zu ver­hindern, gestalteten sich die Ausschreibungen langwierig. Und zu all dem kam der härteste Winter seit Menschengedenken mit zwei Metern Schnee, der die Aufräumarbeiten wochenlang lahmlegte.

Weniger hart getroffen wurde die umbrische Kleinstadt Norcia, wo die Erde am 30. Oktober bebte. Die berühmte San-Benedetto-Kathedrale wurde weitgehend zerstört, aber es gab ­keine Toten, und trotz beträchtlicher Gebäudeschäden stand der grösste Teil der prächtigen mittelalterlichen Stadt nach dem Beben noch. Auch in Norcia liegen noch grosse Trümmermengen herum, aber ein grosser Teil des historischen Zentrums konnte inzwischen für die Bewohner und für einige Geschäfte geöffnet werden.

«Wir hätten, wie in L’Aquila nach dem Beben von 2009, ebenfalls Retortensiedlungen errichten und die Leute erst nach dem vollständigen Wiederaufbau wieder in die Stadt zurückkehren lassen können», sagt Umbriens Regionalpräsidentin Catiusha Ma­rini. Doch wie das Beispiel von L’Aquila zeige, dauere der Wiederaufbau viele Jahre. «Wir verfolgen deshalb eine andere Strategie: Wir öffnen eine ‹rote Zone› nach der anderen, sobald wir es verantworten können. Denn eine Stadt besteht nicht nur aus Gebäuden, sondern vor allem aus Menschen.» Für über 800 Familien, die auf absehbare Zeit nicht in ihre Wohnungen zurückkehren können, hat die Region Umbrien Fertighäuser gebaut.

Wohnen in Containern und bei Verwandten

Auch in Norcia wohnen freilich immer noch zahlreiche Einwohner in Containern, Behelfsunterkünften oder bei Verwandten. ­Andere, wie der Rentner Aldo Agostini, sind in ihre Häuser zurückgekehrt, obwohl sie es eigentlich nicht dürften. «Die Behörden haben die Häuser in drei Kategorien eingeteilt: A bedeutet bewohnbar, B bedeutet bewohnbar, aber nicht in der Nacht, C bedeutet unbewohnbar. Mein Haus fällt in die Kategorie B, aber ich schlafe dennoch dort. Sollen mich die Carabinieri doch abholen und büssen», meint Agostini. Er weiss, dass die Carabinieri das nicht tun werden, und gleichzeitig wirft er den Behörden vor, Leute wie ihn vergessen zu haben.

Die Angst, vergessen zu werden, kennen auch die Einwohner von Amatrice und der anderen Dörfer, die beim Beben dem Erdboden gleichgemacht wurden. Die Regierung unter dem damaligen Ministerpräsidenten Matteo Renzi hatte wenige Tage nach dem Beben vom 24. August versprochen, dass alle betroffenen Orte wieder aufgebaut würden – «wo sie waren und wie sie waren». Daran glauben in Amatrice nur noch wenige. «Wie soll das denn funktionieren? Hier steht ja nichts mehr, hier ist alles weg», sagt Enzo Bizzoni. Viele Einwohner seien denn auch schon nach Rom oder in die nahe Provinzhauptstadt Rieti gezogen. Vorlage für den Wiederaufbau sollen nun Pläne aus dem Mittelalter bilden – als Amatrice noch deutlich kleiner gewesen war.

Tatsächlich stellt sich bei den schwer verwüsteten Gemeinden bezüglich des Wiederaufbaus die Sinnfrage. Die Orte bestanden zu einem grossen Teil aus Ferienhäusern, die nur im Sommer bewohnt waren. Bei den meisten ständigen Einwohnern handelte es sich um Alte, deren Kinder längst weggezogen sind. In dem weitgehend zerstörten Ort Campi nahe Norcia lebten vor dem Beben beispielsweise nur noch acht ständige Einwohner. «Der vollständige Wiederaufbau dieser Dörfer in den Bergen, so schön sie auch waren, hat eigentlich keinen Sinn», sagte unlängst der Bischof von Rieti, Domenico Pompili, in einem Mediengespräch.

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