Interview

«Er ist ein Feigling»: Weshalb Trumps Ex-Kommunikationschef Anthony Scaramucci nun ein Gegner des US-Präsidenten ist

Vor vier Jahren war Anthony Scaramucci, 56, Kommunikationschef von Donald Trump. Heute ist der regelmässige WEF-Gast ein erbitterter Gegner des Präsidenten. Im Interview wirft er Trump Rassismus vor und erklärt, warum er mit harten Bandagen kämpft: «Wer meine Frau attackiert, der nimmt es mit mir auf.»

Renzo Ruf aus Washington
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Vom Trump-Fan zum Kritiker: Anthony Scaramucci war Kommunikationschef im Weissen Haus.

Vom Trump-Fan zum Kritiker: Anthony Scaramucci war Kommunikationschef im Weissen Haus.

Pablo Martinez Monsivais / AP

Amerika wählt in zwei Wochen. Sie kennen den Präsidenten, sind mit seinen Macken vertraut. Wenn Sie Donald Trump immer noch beraten würden, welche Ratschläge würden Sie ihm erteilen?

Anthony Scaramucci: Damit er die Wahl gewinnt? Daran habe ich kein Interesse.

Nun ja, Sie sind ein guter Kommunikator und Amerika befindet sich in einer tiefen Krise. Sie könnten einen Beitrag leisten, damit dieses Land vorankommt.

Ich würde ihm sagen, dass er endlich die Ratschläge der Wissenschafter befolgen soll und sich zum Beispiel darüber informieren würde, wie Südkorea die Pandemie bewältigt hat. Zweitens würde ich ihm sagen, er soll damit aufhören, das Tragen von Gesichtsmasken zu einem Politikum zu machen. Aber Trump würde nicht auf mich hören. Das ist der Grund, warum ich derart scharf mit ihm ins Gericht gehe. Er ist beratungsresistent.

Warum sind Sie überzeugt davon, dass er Ihre Vorschläge ignorieren würde?

Weil er niemandem zuhört. Der Präsident erinnert mich an einen Soziopathen, der nur noch mit sich selbst spricht und sich ständig wiederholt. Seine Intuition mag ihm vor vier Jahren beim Werben um Stimmen geholfen haben. Aber nun…

War Trump denn anders, als sie mit ihm zusammen Wahlkampf machten?

Damals war er eine andere Person, wohl auch, weil er nicht derart unter Druck stand. Er war geschwätziger, hatte mehr Spass. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass er nicht mit seinem Sieg rechnete. Der Druck, unter dem er nun im Weissen Haus steht, hat ihn verändert.

Als Sie im Juli 2017 kurze Zeit über als Kommunikationsverantwortlicher des Weissen Hauses amtierten, verkündigten Sie an einer denkwürdigen Pressekonferenz: «Ich liebe den Präsidenten. Ich bin ihm sehr loyal. Ich liebe die Mission, auf der sich der Präsident befindet.» Meinten Sie das ernst?

Ja. Ich glaube immer noch an diese Mission. Eine sehr grosse Gruppe von weissen Arbeitern ohne Hochschulabschluss fühlte sich in unserem politischen System nicht mehr vertreten. Und ich nahm im Wahlkampf an 71 Auftritten des Präsidenten teil, während denen er direkt zu diesen Menschen sprach – die zurecht als der «Vergessene Mann» und die «Vergessene Frau» bezeichnet wurden. Und er versprach ihnen, dass er sich für politische Lösungen einsetzen werde, die ihnen zugutekommen würden.

Ihr Tonfall an dieser Pressekonferenz war fast schon übertrieben euphorisch.

Ich bin Italiener, und meine Frau mahnt mich ab und zu, dass ich zu häufig auf das Verb «lieben» zurückgreife. Und vielleicht verwendete ich es in diesem Moment zu oft. Aber ich finde den Präsidenten sympathisch. Dass ich meine amerikanischen Mitbürgerinnen und Mitbürger dazu aufrufe, ihn abzuwählen, ist nicht persönlich. Meine Wahlempfehlung beruht auf einer analytischen, objektiven Analyse seiner bisherigen Arbeit als Präsident und was er der Institution, dem Amt des Präsidenten, angetan hat. Er hat das Land kranker, schwächer und ärmer gemacht.

Es gibt nur wenige ehemalige Weggefährten Trumps, die sich derart dramatisch von ihm distanziert haben. Nach ihrem Rücktritt als Kommunikationsbeauftragter Ende Juli 2017, was gab für Sie den Ausschlag?

Anfänglich versuchte ich, weiterhin loyal zu sein. Zwei Jahre lang verteidigte ich seine Politik während meinen Fernsehauftritten. Aber es wurde immer schwieriger, weil er an der Grenze zu Mexiko Kinder von ihren Eltern trennte, den russischen Präsidenten Wladimir Putin gegen die Anschuldigungen der amerikanischen Geheimdienste in Schutz nahm oder weil er unsere Presse zu «Volksfeinden» stempelte.

Und was war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte?

Seine Attacken gegen die «Squad»...

...vier dunkelhäutige Abgeordnete der Demokraten, allesamt Amerikanerinnen, denen Trump im Sommer 2019 sagte, sie sollten «nach Hause» gehen, wenn es ihnen hier nicht passe.

Das ist Rassismus. Das ist Xenophobie. Und es gibt nichts, was ich stärker verachte als Rassismus. Wissen Sie, Sie können sich Ihre Familie nicht aussuchen. Ich jedenfalls suchte mir meine nicht aus. Sie können sich auch nicht aussuchen, mit welcher Hautfarbe Sie geboren werden. Ich glaube nicht, dass Menschen basierend auf diesen Kriterien schubladisiert werden sollten. Diese Aussagen waren einfach abscheulich.

Wann entschieden Sie sich, die Anti-Trump-Organisation «The Lincoln Project» zu unterstützen?

Als der Präsident auf Twitter meine Frau attackierte. Ich kann damit leben, wenn ich persönlich angegriffen werde. Ich bin eine Figur des öffentlichen Lebens. Aber er attackierte meine Gattin, eine Hausfrau aus der Vorstadt. Ich bin nicht Ted Cruz…

…der Trump verzieh, dass er sich im Wahlkampf 2016 abfällig über seine Frau Heidi geäussert hatte.

Wer meine Frau attackiert, der nimmt es mit mir auf. Also beschloss ich, den Kampf gegen ihn aufzunehmen.

Sie sind kein Führungsmitglied des «Lincoln Project», sammeln aber Geld für die Organisation. Was an der Anti-Trump-Kampagne auffällt: Zahlreiche Exponenten greifen auf ein Vokabular zurück, das auch von Trump stammen könnte. Sie beispielsweise bezeichneten den Präsidenten kürzlich als «Covidioten».

Ich würde sagen: Manchmal muss man gleiches mit gleichem vergelten. Und meine Erfahrung zeigt, dass Trump einen auf Twitter in Ruhe lässt, wenn man zurückschlägt. Er will wohl nicht dafür verantwortlich sein, dass ich noch berühmter werde. Jedes Mal, wenn er mich angreift, gewinne ich 50'000 bis 100'000 neue Follower auf Twitter. Aber wäre ich ein Politiker, dann würde ich die Strategie von Joe Biden wählen, der Trump weitgehend ignoriert. Gott sei dank bin ich aber kein Politiker.

Was passiert, wenn Trump die Wahl verliert? Wird er sein Amt widerstandslos räumen?

Er plustert sich bloss auf. Er ist ein Feigling, der krankhaft versucht, seine Minderwertigkeiten zu kompensieren.

Das Gerede über einen möglichen Putschversuch ist also bloss Gerede?

Ja.

Und was passiert mit der Republikanischen Partei, sollten die Demokraten tatsächlich einen Erdrutschsieg erzielen?

Ich hoffe, dass die Republikaner nach einer Niederlage Trumps über die Bücher gehen. Und dass die Partei sich vom Personenkult um Trump verabschiedet. Wir haben derzeit nicht einmal mehr ein aktuelles Wahlprogramm, weil sich alles um die Person des Präsidenten dreht.

Was aber, wenn Trump gewinnt? Sie sind offiziell immer noch ein Republikaner. Wären Sie dann politisch heimatlos?

Das «Project Lincoln» und ich würden dann wohl eine neue Partei ins Leben rufen, die sich rechts der Mitte ansiedelt. Sie würde auf konservativen Prinzipien basieren, nicht auf Personenkult.

Hat es im politischen System Amerikas wirklich Platz für eine Partei, die rational argumentiert?

Wer weiss? Wie sagte es doch der legendäre Apple-Gründer Steve Jobs treffend: «Meistens wissen die Leute nicht, was sie wollen, bis man es ihnen zeigt.»