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«Er hatte Zugang zu allen Polizei-Informationen»: Anschlag verunsichert Frankreich

Entgegen ersten Darstellungen war die Messerattacke in der Pariser Polizeipräfektur doch ein Terroranschlag.
Stefan Brändle aus Paris
Ein Polizist sichert am Donnerstag einen Bereich in der Nähe des Polizeihauptquartiers Bild: M. Euler/AP

Ein Polizist sichert am Donnerstag einen Bereich in der Nähe des Polizeihauptquartiers Bild: M. Euler/AP

Nach längerer Ruhe an der Terrorfront sieht sich Frankreich zur Einsicht gezwungen, dass die Gefahr keineswegs gebannt ist. Der zuständige Staatsanwalt erklärte am Samstag, der Polizeiangestellte, der in Paris vier seiner Kollegen tötete, sei einer «radikalen Sicht des Islams» erlegen. Der Informatiker, der im nachrichtendienstlichen Hochsicherheitsbereich arbeitete, hatte mit seiner inzwischen verhafteten Frau unmittelbar vor der Tat am Donnerstagmorgen religiöse SMS ausgetauscht. Er beendete sie mit «Allahu Akbar», worauf sie schrieb: «Folge unserem geliebten Propheten Mohammed und meditiere den Koran.»

Statt zu meditieren, ging der 45-jährige Familienvater kurz vor Mittag zwei Messer kaufen. Damit kehrte er durch die Eintrittskontrollen in das stark gesicherte Hauptquartier der Polizeipräfektur zurück. Um 13 Uhr erstach er zwei Arbeitskollegen, danach im Treppenhaus eine Polizistin. Nachdem er einen weiteren Polizisten verletzt hatte, wurde er im Hof der Präfektur von einem jungen, erst seit einer Woche diensthabenden Volontär gestellt und, als er diesen auch mit dem Messer bedrohte, erschossen.

Er sympathisierte mit den Charlie-Hebdo-Attentätern

Weitere Details lassen keinen Zweifel an der Motivation des aus den Antillen stammenden Franzosen zu. Er war vor Jahren zum Islam übergetreten und hatte die Moschee eines salafistischen Imams besucht. Laut Staatsanwalt hatte er 2015 schon das Attentat auf das Satiremagazin «Charlie Hebdo» gerechtfertigt. In letzter Zeit kleidete sich der 45-jährige Banlieue-Einwohner nach islamischer Weise und weigerte sich, Frauen die Hand zu schütteln. Zur Tat sei er «ohne jede Nervosität» geschritten, meinte der Staatsanwalt. Sein Vorsatz, die Tötungsmethode sowie der offensichtliche Wille zu sterben seien weitere Indizien seiner Radikalisierung, meinte der Staatsanwalt.

Zur Bestürzung in Frankreich gesellt sich politischer Streit. Die konservativen Republikaner, gefolgt von den Sozialisten und den linken «Unbeugsamen», aber auch die Populistin Marine Le Pen verlangen eine parlamentarische Untersuchungskommission. Der republikanische Abgeordnete Eric Diard zeigte sich «beunruhigt, dass eine Person mit Anzeichen der Radikalisierung an einem so sensiblen Ort arbeiten konnte».

Der Leiter des Forschungszentrums für Nachrichtendienste, Alain Rodier, fragte sich, ob der Täter nicht auch als «Maulwurf» für Dschihadisten gewirkt haben könnte. «Er hatte Zugang zu allen Polizeiinformationen», sagte der Experte mit Verweis auf ein mörderisches Attentat am Wohnsitz eines Polizistenpaares in Magnanville im Jahr 2016. Der Täter verfolgte offenbar im Dienst auch das Geschick der Brüder Kouachi, die das «Charlie-Hebdo»-Attentat ausführten. Präfekturangestellte werden zwar theoretisch alle fünf Jahre unter anderem auf ihre Gesinnung geprüft. Von den 43'000 Präfekturangestellten sollen derzeit 30 unter Überwachung stehen. Der Attentäter zählte nicht dazu. Er sei offensichtlich «durch die Maschen geschlüpft», sagte der Abgeordnete Diard. Schwergewichte der Republikaner wie Christian Jacob und Eric Ciotti verlangten gestern wegen «gravierender Verfehlungen» auch den Rücktritt von Innenminister Christophe Castaner.

Der enge Vertraute von Präsident Emmanuel Macron war nach der Gewalttat vor die Presse getreten und hatte erklärte, der Täter habe «nie ein auffälliges Verhalten oder das geringste Alarmsymptom» an den Tag gelegt. Das zeugte laut den Republikanern von Ignoranz. «Castaner musste wissen, dass der Täter den Opfern die Kehle durchgeschnitten hatte und als Sympathisant der ‹Charlie-Hebdo›-Attentäter in den Akten figurierte», sagte Jean-Philippe Moinet von der Beobachtungsstelle für Extremismus. Der Innenminister verzichtete aber mehr als einen Tag lang darauf, die Antiterrorjustiz einzuschalten.

Mitarbeiter der Polizei werden nun überprüft

Premierminister Edouard Philippe verteidigte Castaner und kündigte eine neue Überprüfung von Präfekturbeamten an. Ob Castaner die Tatumstände bewusst vertuschen wollte, muss sich weisen. Plausibler scheint derzeit ein kollektives «Nichtsehenwollen». Die meisten Polizeiinformanten der französischen Medien hatten anfangs auch nur von der Möglichkeit hierarchischer oder amouröser Probleme des Täters in seiner Büroabteilung gesprochen.

All dies lässt darauf schliessen, wie sehr der neue Anschlag Frankreich getroffen hat. Langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass die Niederlage der Terrormiliz IS in Syrien und der Geheimdienstaufwand kein Ende des Terrors gebracht haben. Hinweise auf eine Verbindung des Täters zu allfälligen Auftraggebern im Mittleren Osten gibt es bisher nicht; bekannt zu dem Anschlag hat sich auch niemand.

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