Energiekrise in Venezuela

Venezuela muss Strom sparen. Einkaufszentren und Hotels müssen sich darum teilweise selber mit Energie versorgen. Die Frauen hat Präsident Maduro dazu aufgefordert, weniger zu föhnen.

Sandra Weiss
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Sollen ihre Haare weniger oft föhnen: Kandidatinnen bei der Miss-Venezuela–Wahl. (Bild: ap/Leslie Mazoch)

Sollen ihre Haare weniger oft föhnen: Kandidatinnen bei der Miss-Venezuela–Wahl. (Bild: ap/Leslie Mazoch)

CARACAS. In den 1980er-Jahren war Caracas eine der modernsten Städte Lateinamerikas. Symbol des wirtschaftlichen Aufstiegs dank des Erdölbooms waren die klimatisierte U-Bahn, Einkaufszentren und überdimensionale Leuchtreklamen an den Wänden der Hochhaustürme. Die vom Staat subventionierten, niedrigen Preise waren kein Anreiz zum Sparen und die Venezolaner nutzten den Strom ebenso grosszügig wie das spottbillige Benzin. Nach amtlichen Angaben wird nirgends in Lateinamerika mehr Strom pro Kopf verbraucht: Voriges Jahr kamen die 30 Millionen Einwohner auf stolze 18 000 Megawatt.

Tageslicht besser nutzen

Nun flattert den Venezolanern die Rechnung dafür auf den Tisch. In dem tropischen Land gehen Lichter und Klimaanlagen aus, und Präsident Nicolás Maduro greift zu allerlei drastischen Massnahmen. Für die Funktionäre hat er die Arbeitswoche bis zu Beginn der Regenzeit im Juni schon auf vier Tage verkürzt, nun hat er auch noch den heutigen Montag zum freien Tag erklärt und dem Land eine neue Zeitzone verpasst. Damit soll das natürliche Tageslicht besser genutzt werden. Industriebetriebe müssen ihren Konsum um 20 Prozent senken, Einkaufszentren sich vier Stunden am Tag selbst mit Energie versorgen, Fünf-Sterne-Hotels sogar neun Stunden lang. In dem für seine Schönheitsköniginnen bekannten Land bricht Maduro aber noch ein weiteres Tabu: «Ich möchte besonders an die Frauen appellieren, den Föhn nur noch halb so oft zu benutzen. Im Naturlook seid ihr viel schöner!», sagte Maduro in einer TV-Ansprache.

El Niño als Ursache

Hintergrund der Krise ist die Dürre, die derzeit durch das Klimaphänomen El Niño verursacht wird. Venezuela gewinnt fast drei Viertel seines Stroms aus dem Wasserkraftwerk Guri, und der Pegel ist dort laut der nationalen Stromgesellschaft Corpoelec auf 247,70 Meter über dem Meeresspiegel gefallen. Bei 245 Metern müssen einige Turbinen abgeschaltet werden, bei 240 Metern alle. Von 10 000 Megawatt ist die Leistungskapazität auf rund 4000 Megawatt gefallen. Es ist keineswegs so, als wäre das nicht voraussehbar gewesen: El Niño sucht den Kontinent alle paar Jahre heim. Dass der Stausee von Guri versandet und die Turbinen dringend erneuert sowie weitere Energiequellen gefunden werden müssen, fordern Experten schon seit Jahren. Unter der sozialistischen Regierung sei aber trotz eines beispiellosen Booms der Erdölpreise kein einziger Staudamm gebaut worden, kritisiert die bürgerliche Opposition.

Venezuela ist nicht allein

2010 verkündete die Regierung auf dem Höhepunkt der damaligen Energiekrise, die Thermoenergie auszubauen, doch wenig passierte. Stattdessen verfielen wegen mangelnder Wartung die bereits bestehenden Heizkraftwerke. Ende 2015 waren nach Angaben des Energieexperten José Aguilar im ganzen Land 44 Prozent aller Einheiten zur Energieproduktion abgeschaltet. Wegen der ständigen Stromausfälle haben sich viele Betriebe und Wohnhäuser Dieselgeneratoren zugelegt, die wiederum vor allem in der Hauptstadt Caracas die Luftverschmutzung verschlimmern. Mit diesem Problem ist Venezuela allerdings nicht alleine: Auch in Kolumbien sorgt El Niño für Probleme. Seit Wochen appelliert Präsident Juan Manuel Santos an seine Landsleute, freiwillig Energie einzusparen, um auf Rationierungsmassnahmen verzichten zu können. Über Twitter informiert er täglich über den Stromverbrauch. «Gestern haben wir 6,84 Prozent eingespart. Die Kultur des Sparens ist auf dem Vormarsch», lobte er.

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