Endstation im Zeltlager von Calais

Im Norden Frankreichs stauen sich immer mehr Migranten. Statt ins gelobte England zu gelangen, bleiben sie auf französischer Seite – in einem riesigen Slum. 4000 Flüchtlinge leben gegenwärtig dort.

Stefan Brändle/Calais
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Der Weg führt nicht weiter: Ein Flüchtling im Lager in Calais. (Bild: ap/Emilio Morenatti)

Der Weg führt nicht weiter: Ein Flüchtling im Lager in Calais. (Bild: ap/Emilio Morenatti)

Oben auf dem Autobahnzubringer zum Fährhafen suchen zwei Gendarmen mit Feldstechern das endlose Gewirr aus Hütten, Zelten und Plastikverhauen ab, das sich zu ihren Füssen in den Sanddünen ausbreitet. Derzeit herrscht gerade Ruhe im «neuen Dschungel», dem wilden Lager von schätzungsweise 4000 Migranten aus Nordostafrika und dem Mittleren Osten. Aber das ist nicht immer so.

Manchmal werfen die Flüchtlinge Reifen auf die Hochstrasse ausserhalb von Calais und springen dann auf die bremsenden Sattelschlepper, die nach England übersetzen. Im Frühjahr enterten sie mehrmals en masse das Hafenareal; im Juli drangen 2000 junge Männer auf das Gelände vor dem Eurotunnelportal ein, um mit dem Zug unter dem Ärmelkanal ins gelobte England zu gelangen. Kaum einem gelang es.

«Die Gewalt nimmt zu»

Um den Hafen und den Tunnel sind die Stacheldrahtverhaue in den letzten Monaten verstärkt, die Sicherheitsequipen erweitert worden. Vor Wochenfrist haben sich die Briten und Franzosen auf neue Kredite dafür geeinigt. An sich ist für die Migranten kein Durchkommen mehr in Calais. Deshalb ist die Ruhe im «Dschungel» trügerisch. «Die Spannung ist gross, die Gewalt nimmt zu», meint Ludovic Hochard von der Polizeigewerkschaft Unsa. «Die Staulage macht das Lager zu einem Pulverfass. Das sorgt für Konflikte zwischen den ethnischen Gruppen und mit der albanischen und kurdischen Schleppermafia.» Die Polizei kommt längst nicht mehr nach bei ihrer Bekämpfung. «Eine Schlepperbande zu überführen erfordert mehrere Monate», erklärt Hochard. «Ihre Nachfolger brauchen hingegen nur ein paar Tage, um an ihre Stelle zu treten.» Derzeit koste ein garantierter Sprung über den Kanal – zum Beispiel mit einem gekauften Lastwagenchauffeur – 5000 bis 8000 Euro, meint der Experte.

Zahi, der seinen Unterarm in einem brandneuen Gips des hiesigen Unispitals trägt, will trotzdem nicht von seiner England-Idee ablassen. «Dort habe ich Verwandte, dort finde ich Arbeit», meint der junge Ägypter in gebrochenem Englisch, aber mit unverwüstlichem Optimismus. Wie viele seiner Weggefährten im Eldorado jenseits des Kanals angekommen sind, weiss er auch nicht. Das weiss niemand. Die Migranten werden ja nicht einmal registriert. Wie viele gescheitert, wie viele umgekommen sind? Zahi zuckt die Schultern, ähnlich wie der Zollpolizist Hochard. Seit Juni haben die Behörden offiziell neun tote Migranten gezählt.

Die Frage stellt sich auch Marie, einer zierlichen älteren Lehrerin aus einem Nachbarort von Calais. Sie gibt einigen Sudanesen Französischunterricht im «Dschungel». Das Schulzimmer, schwer zu finden in dem «Dschungel»-Labyrinth, besteht aus einem blossen Holzgerüst mit wasserdichtem Überzug. Dazu ein paar Tischchen im Sandboden, das ist alles. «Wie in Afrika», lacht Marie, die einmal in Burkina Faso unterrichtet hat und sich in dem nicht ungefährlichen Slum unbeschwert bewegt, obwohl sie hier die einzige weisse Frau weit und breit ist.

Sprachkurse in Französisch

Auch Mayedin und Anoua lachen zu der Bemerkung. Viel mehr Französisch verstehen die rund 20jährigen Schüler aber nicht. Am einzigen Wandbehang prangen Buchstaben – B für Bonjour, L für Liberté, N für Nord und Non. Norden und Nein reimt sich hier: Als hätten die Sudanesen erkannt, dass in Calais Endstation sein könnte, haben sie selber die Initiative ergriffen, um Französisch zu lernen. Sie haben umgedacht und wollen in Frankreich bleiben, hier ein Asylgesuch stellen.

Der Secours Catholique verschaffte den jungen Moslems die Mittel für die Schulhütte und die Lehrerin. Marie erzählt den Jugendlichen, sie habe bereits drei Afghanen die Sprache Voltaires beigebracht. Heute machten sie in Nordfrankreich eine Ausbildung als Elektriker; einer wolle sich demnächst selbständig machen und nach Paris ziehen. «England ist nicht besser», schliesst Marie ihren Exkurs ab. Und zum Journalisten gewandt: «Wir müssen den Ankommenden unbedingt klarmachen, dass hier kein Weiterkommen mehr ist. Und den europäischen Regierungen, dass sie ihre Asylpolitik endlich aufeinander abstimmen. Sonst nimmt dieser Menschenstau hier noch ein böses Ende.»

Kirche und Moschee im Lager

Die französische Regierung hat die Gefahr auch erkannt. Sie finanziert ein Auffanglager für Frauen und Kinder am Rande des Dünenlagers. «Ärzte ohne Grenzen» hat inmitten der Zelte eine improvisierte Klinik eingerichtet, und die Stadt Calais hat nach einer Wasser- auch soeben eine Stromleitung gezogen und eine Toilettenreihe errichtet.

30 Wasserstellen ändern natürlich kaum etwas an der Misere von 4000 Bewohnern. Langsam erhält der «Dschungel» aber eine Infrastruktur wie eine brasilianische Favela. Beim Gang durch das Gassengewirr sieht man Eritreer eine Holzbaracke bauen, während ein Syrer zwischen einem Freiluft-Coiffeur und mannshohem Gebüsch einen Budenstand aus Konservenbüchsen einrichtet. Ein Zelt mit grünem Eingang ist die Moschee, eines mit einem Holzkreuz die Kirche. Auch Quartiertreffpunkte bilden sich; das grösste Zelt heisst «Afghanistan».

«Absurdistan mitten in Europa»

Der Kontrast zum Stadtzentrum von Calais könnte nicht grösser sein: Dort, in der verarmten Hafenstadt (Arbeitslosigkeit: 17 Prozent), sind die Migranten aus dem Stadtbild verschwunden. Vor einem Jahr noch prägten sie das Stadtbild, was Gegendemonstrationen von Rechtsextremen («Werfen wir sie raus») provozierte. «Wenn die Behörden dem<Dschungel> Wasser und Strom liefern, dann auch, um die Migranten loszuwerden», meint Jean-Pierre, ein Pädagoge aus Calais, der wie andere Bewohner regelmässig Kontakt zu Migranten pflegt.

Er diskutiert gerade vor einem der letzten Matratzenlager von Migranten im Stadtzentrum, das laut Gerichtsbeschluss geräumt werden soll. Bei der Mini-Demonstration verlangt Laurent Roussel, Vertreter der progressiven Lokalpartei PGPC, «endlich eine einheitliche Asylpolitik in Europa und ein europäisches Asylzentrum mit Filialen an den neuralgischen Punkten der EU», darunter auch in Calais. «Es ist inakzeptabel, hier eine Migrantenstadt entstehen zu lassen, die nicht die geringste Zukunftsperspektive hat und in der aus dem Elend bald kriminelle Gewalt, Prostitution und ethnische Spannungen entstehen werden», ereifert sich Roussel. «Das ist Absurdistan mitten in Europa.»