Ende eines Dramas – und nichts ist vorbei

Wie sich ein Mörder als «Gotteskrieger» zu legitimieren versucht – und wie populistische Wahlkämpfer einer Peinlichkeit enthoben werden.

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Angehörige trauern in Jerusalem an der Beisetzung der ermordeten jüdischen Kinder. (Bild: ap/Oded Balilty)

Angehörige trauern in Jerusalem an der Beisetzung der ermordeten jüdischen Kinder. (Bild: ap/Oded Balilty)

Ein dreifaches Ende: In Jerusalem die Beisetzung der drei in Südfrankreich ermordeten jüdischen Kinder und ihres Vaters und Lehrers; in Montauban die Trauerfeier für die drei zuvor ermordeten französischen Soldaten; in Toulouse schliesslich die Belagerung des mutmasslichen Mörders.

Er sei ein «Mujahidd», hat der Täter während der Belagerung durch die französische Spezialeinheit Raid den Beamten erklärt – ein «Gotteskrieger», der nach eigenem Bekunden für das Terrornetzwerk Al Qaida mordet. Er nennt es Rache. Rache an jüdischen Kindern, weil Juden palästinensische Kinder töteten? Rache an französischen Soldaten mit Migrationswurzeln, weil Frankreichs Armee in Afghanistan im Einsatz ist? Fanatismus, Hass und krude ideologische Versatzstücke blitzen auf.

Kein Recht, nur Rechthaberei

Wer ein Kind rettet, rettet die Welt, sagt ein jüdisches Sprichwort. Tötet also, wer ein Kind tötet, die Welt? Solche Fragen wird sich der mutmassliche Mörder nicht gestellt haben. Kinder sind ihm so oder so nur Vorwand und Mittel zum Zweck; als Opfer der israelischen Besatzungspolitik und als seine eigenen Opfer.

Es gehe ihm um den Jihad, sagt er und missversteht ihn als mörderisches Handwerk der Rechthaberei, nicht des Rechts – weder eines göttlichen noch eines weltlichen. Seine Kinder-Opfer waren keine Besatzer und seine Soldaten-Opfer keine Imperialisten.

Die jüdischen Kinder waren in einen elenden Konflikt hineingeboren worden, für den sie nun sterben mussten ohne von ihm gewusst zu haben. Und Soldaten waren Franzosen mit maghrebinischen Wurzeln, vielleicht in Algerien, wie ihr Mörder auch, die mit der Erfüllung ihres Wehrdienstes allenfalls am Rande Teil eines elenden Konflikts geworden waren, den sie weder verschuldet noch gewollt hatten.

Das Logo des Bösen

Er sei ein Kämpfer der Al Qaida – damit meint der mutmassliche Täter etwas zu erklären. Und vielleicht gibt es sogar Menschen, die ihm dafür dankbar sind. Verblendete wie er oder aber Verängstigte, die schon froh sind, dass wenigstens der Namen ihrer Angst bestätigt worden ist. Ein Name der für Hass steht, Hass, den man wiederum selber hassen kann: Al Qaida, dieses weltweite Synonym für brutalsten Terror. Ein Netzwerk, das global organisiert Schrecken verbreitet? Oder Al Qaida, dieses Franchise-Unternehmen des Bösen, dessen Logo jeder verwenden kann, der seinem blutigen Tun einen Anschein von Legitimation geben will.

Den Opfern hilft weder die eine noch die andere Erklärung – sie sind einen sinnlosen Tod gestorben. Dem Täter mag es helfen, sich als Teil eines weltweiten Kampfes verstehen zu können, um an seiner Schuld nicht zu zerbrechen.

Im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet kann sich Ayman al Zawahiri, der sogenannte Emir der Al Qaida, überlegen, ob er dem selbsternannten «Gotteskrieger» von Toulouse im nachhinein den schmutzigen Lorbeer eines Killers in seinem Auftrag überreichen will.

Erst als Opfer Kinder Frankreichs

Und in Frankreich atmen Politiker auf. Froh, dass der Mörder kein rassistischer Rechtsextremist war. Froh, dass die einfachste aller Erklärungen – es war die Al Qaida – sie von der Peinlichkeit enthebt, über ihren verbal-extremistischen Wahlkampf Rechenschaft ablegen zu müssen. Ein Wahlkampf, in dem Juden aufgefordert werden, ihre rituellen Traditionen aufzugeben, und moslemische Migranten als Gesindel beschimpft werden – bevor sie dann als Opfer mörderischer Gewalt «Kinder Frankreichs» und «Helden der Nation» werden dürfen. Walter Brehm