Emmanuel Macron
Ohrfeige mit Knalleffekt: «Den Präsidenten physisch zu attackieren, bedeutet, Frankreich zu attackieren»

Ein Anschlag auf die französische Demokratie: So wird die Ohrfeige für Präsident Emmanuel Macron von links bis rechts eingestuft.

Stefan Brändle, Paris
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Eine Herausforderung für seine Sicherheitsleute: Emmanuel Macron sucht den engen Kontakt zur Bevölkerung.

Eine Herausforderung für seine Sicherheitsleute: Emmanuel Macron sucht den engen Kontakt zur Bevölkerung.

Philippe Desmazes / EPA

Dynamisch wie immer, in Hemd und Krawatte eilt Emmanuel Macron auf die Zaungäste zu. Seine Sicherheitsleute kommen in dem kleinen Dorf in der südfranzösischen Gegend Drôme gar nicht mit. Ein junger Mann im khakifarbenen T-Shirt und einem dicken Bart unter der Schutzmaske sagt etwas zu ihm – und dann verabreicht er dem Präsidenten eine Ohrfeige, deren Klatsch auf den Videofilmen gut zu hören ist. Jetzt stürzen sich die Leibwächter auf den Täter und machen ihn dingfest.

Macron will Händeschütteln und kassiert eine Ohrfeige.

Beitrag: Silvy Kohler

Selten zuvor fielen die politischen Reaktionen so einhellig wie in diesen Fall aus. «Über den Staatschef wurde die Demokratie anvisiert», erklärte Premierminister Jean Castex nur Minuten später in der Nationalversammlung, wo sich die Abgeordneten spontan erhoben. Andere Präsidenten wie Jacques Chirac oder Nicolas Sarkozy waren auch schon attackiert worden, aber keiner so direkt, so physisch, so demütigend.

Der Körper des Staatspräsidenten ist unantastbar

Die Empörung ist in Frankreich auch deshalb so gross, weil der Körper des Staatspräsidenten fast noch wie zu Zeiten der Monarchie auch eine symbolische Funktion hat. «Den Präsidenten physisch zu attackieren, bedeutet, Frankreich zu attackieren», erklärte deshalb der Grüne Yannick Jadot, selber Präsidentschaftsanwärter. Der Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon erklärte sich ebenfalls «solidarisch mit dem Präsidenten». Die Rechtsextremistin Marine Le Pen erklärte, «nicht die geringste Geste, nicht die geringste Gewalt» sei gegen einen politischen Gegner zulässig.

Macron setzte seine Tournee durch französische Regionen noch am gleichen Tag fort und erklärte, man müsse diesen «isolierten Zwischenfall relativieren». Er widersprach sich allerdings gleich selber, indem er anfügte, hinter der Tat steckten «äusserst gewalttätige Individuen».

Ohrfeiger mit rechtsextremem Profil

Zwei 28-Jährige wurden verhaftet und am Mittwoch wegen Gewalt gegen eine Amtsperson einvernommen. Der Ohrfeiger, ein gewisser Damien T., wird als Royalist und Mittelalter-Fan geschildert. Vor seinem Schlag skandierte er die Parole der französischen Königstreuen, «Montjoie Saint-Denis», und rief dann «Nieder mit der Macronie». Sein Profil gleicht indes eher einem Rechtsextremisten als einem Königsnostalgiker: Laut Pariser Medien pflegt er harte Kampfsportarten und gibt in den sozialen Medien antisemitische Sprüche von sich. Bei einer Hausdurchsuchung fand die Polizei ein Exemplar von «Mein Kampf», wie sie am Mittwoch bekanntgab.

Wenige Stunden vor seiner Ohrfeige hatte ihn ein Fernsehjournalist neben zwei Kumpanen gefilmt. Sie erklärten, sie seien «eher für die Anarchie» und hätten «Dinge zu sagen, die man nicht sagen darf». Damien T. sagte kein Wort.

Macron ist für viele ein «Präsident der Reichen»

Zur Debatte steht einmal auch die Sicherheit der Politiker. Dem Täter wäre es ein Leichtes gewesen, eine versteckte Waffe einzusetzen. Macron entweicht seinen Bodyguards immer wieder, um einen direkten Kontakt mit dem «Volk» zu suchen. Das tut er, gerade weil er als ein distanzierter Vertreter der Pariser Elite gilt. Nach der Gelbwestenkrise von 2018 bekannte der als «Präsident der Reichen» gebrandmarkte 43-Jährige etwas gewunden: «Ich lasse zweifellos etwas durchscheinen, was mir zwar nicht wirklich entspricht, aber etwas, das die Leute zu hassen begonnen haben.»

Der Hass auf Macron erklärt aber nicht alles. Die Ohrfeige wäre kaum möglich ohne die Atmosphäre der politischen Spannung und Gewalt, die Frankreich seit längerem heimsucht. Vor den Regionalwahlen Ende Juni und den Präsidentschaftswahlen im Mai 2022 verschärft sich die politische Debatte auf beunruhigende Weise. Livesender wie CNews haben es sich zu einer Spezialität gemacht, die Grenzen der politischen Korrektheit zu sprengen. Das wirkt offenbar für viele Franzosen befreiend: Der kleine Sender hat seine Einschaltquoten in kurzer Zeit auf eine Million vervielfacht.

Rivalität im rechten Lager

Ihr Hauptexponent Eric Zemmour, der schon wegen Rassenhass verurteilt worden ist, will selber bei den Präsidentschaftswahlen antreten und kommt aus dem Stand auf 13 Prozent Stimmen. Das beunruhigt auch die Rechtspopulistin Marine Le Pen, die in der gleichen Wählerschaft fischt.

Nerven zeigt aber auch Mélenchon. Anfangs dieser Woche erklärte er, es würde ihn nicht wundern, wenn vor den Präsidentschaftswahlen ein Anschlag oder ein Mord stattfände, der das Urnenverdikt beeinflussen sollte. Das bringt dem Linkenchef den Vorwurf ein, er verbreite Verschwörungstheorien. Mélenchon konterte, der rechte Youtuber Papacito habe selber die Ermordung eines Mélenchon-Wählers nachgestellt.

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