Im Abseits
Der EM-Neuling Nordmazedonien ist ein tragischer Spielball der EU

Der Balkanstaat nimmt erstmals an der EM teil. Mit dem EU-Beitritt aber klappt’s einfach nicht – obwohl das Land doch alles richtig macht.

Remo Hess, Brüssel
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Permier Zoran Zaev verliert langsam die Geduld mit Brüssel.

Permier Zoran Zaev verliert langsam die Geduld mit Brüssel.

AP

Nordmazedonien ist im Fussballfieber. Zum ersten Mal in seiner Geschichte nimmt der Balkanstaat an einer Europameisterschaft teil. In der Arena National in Bukarest wartet am Sonntag um 18 Uhr der Auftaktgegner Österreich. Angeführt wird die nordmazedonische Truppe von Kapitän Goran Pandev. Der 37-jährige Genua-Spieler ist in seiner Heimat längst eine Legende. Nach der EM möchte sich Pandev vom Fussball verabschieden. Es wäre die Krönung seiner Karriere, wenn er seinen gut zwei Millionen Landsmännern und -frauen vorher noch ein Sommermärchen bescheren könnte. Warum auch nicht? 30 Jahre nach dem Zerfall des jugoslawischen Einheitsstaates scheint in Nordmazedonien gerade so vieles möglich.

Die Teilnahme Nordmazedoniens an der EM folgt einer beispiellosen Öffnung von Land und Gesellschaft. Ministerpräsident Zoran Zaev hat das Land konsequent auf EU-Kurs getrimmt. Einhellig wird der 46-jährige Sozialdemokrat dafür gelobt, wie er Verwaltung und Justiz reformiert und der Korruption den Kampf angesagt hat. Die Rede ist vom «Mann mit der weissen Weste», der Nordmazedonien zum «Musterschüler» in einer Region gemacht hat, die von Populisten und Autokraten dominiert wird.

Neuer Name und leere Versprechen

Zaev hat auch mit dem Russland-freundlichen Kurs seines nach einem Korruptionsurteil geflohenen Vorgängers Nikola Gruevski gebrochen und sein Land im Jahr 2020 in die Nato geführt. Nächste Station soll der EU-Beitritt sein.

Nordmazedonien grenzt an die griechische Provinz Makedonien.

Nordmazedonien grenzt an die griechische Provinz Makedonien.

CHM

Doch leicht macht es die EU dem eifrigen Reformer nicht. Mehrmals schon wurde der Start der Beitrittsverhandlungen verschoben. Zuerst beharrte Griechenland darauf, dass die ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien hochoffiziell ihren Namen ändert und dem Mazedonien ein «Nord» voranstellt. Der Grund: Athen reklamiert den Begriff «Makedonien» seit Jahrzehnten für seine nördlichste Region, wo der Eroberer Alexander der Grosse herstammt.

Gegen den erbitterten Widerstand nationalkonservativer Kreise willigte Regierungschef Zaev ein und knüpfte sein politisches Schicksal an die Namensänderung. Anfang 2019 schliesslich erhielt das Land seinen neuen Namen Nordmazedonien.

Abstruse Forderung der bulgarischen Nachbarn

Nachdem Frankreichs Präsident Emmanuel Macron aber trotz allem sein Veto gegen den Start der Beitrittsgespräche einlegte, kündigte Zaev im Oktober 2019 seinen Rücktritt an. Schnell machten Befürchtungen die Runde, das Land würde sich jetzt aus Frust über die EU von seinem europafreundlichen Kurs abwenden – bis Zaev 2020 erneut zum Ministerpräsidenten gewählt wurde.

In einem Grundsatzentscheid sprachen sich die EU-Staaten Anfang 2020 endlich für den Beginn der Beitrittsgespräche aus. Nur: Im vergangenen November stellte sich auf einmal das Nachbarland Bulgarien quer. Innenpolitisch unter Druck, forderte der damalige Premier Bojko Borrisow, dass Nordmazedonien anerkennen müsse, dass sowohl seine Sprache als auch seine Geschichte ihre Wurzeln in Bulgarien habe. Die Blockade ist auch nach Borrisows Ausscheiden aus dem Amt ungelöst.

Unterdessen wächst in Nordmazedonien mit jedem Tag die Ungeduld in dem Mass, wie die Glaubwürdigkeit der EU sinkt. «Wir wollen nicht mehr warten», sagte Ministerpräsident Zoran Zaev bei einem Besuch Anfang Mai in Brüssel. Man habe «hart gearbeitet», um alle gestellten Bedingungen zu erfüllen. Jetzt sei es für die EU an der Zeit, zu liefern. Nordmazedonien will nicht mehr Spielball sein, sondern endlich selbst mitspielen.

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