El Salvador vor Neubeginn

Im zentralamerikanischen El Salvador hat die politische Nachfolgeorganisation der linken Guerilla erstmals die Parlamentswahlen gewonnen. Ein historischer Machtwechsel zeichnet sich ab.

Jürg Roggenbauch
Drucken
Teilen
Anhänger der FMLN gedenken dem Bürgerkriegsende 1992.

Anhänger der FMLN gedenken dem Bürgerkriegsende 1992.

Die linksgerichtete Nationale Befreiungsfront Farabundo Martí (FMLN) hat laut den ersten offiziellen Resultaten rund 43 Prozent der Stimmen erhalten. Das heisst, sie wird erstmals mehr Abgeordnete im 84köpfigen Parlament in der Hauptstadt San Salvador stellen als die konservative Allianz Arena, die etwa 39 Prozent der Urnengänger wählten. FMLN und Arena repräsentieren die traditionellen Fronten in El Salvadors Gesellschaft. Früher bekämpften sich die beiden Lager mit Waffengewalt, heute vor allem politisch.

Bald Präsidentschaftswahlen

Anfang 1992 unterschrieben die damalige Guerilla FMLN und die Arena-Regierung unter UNO-Vermittlung in Mexiko-Stadt einen Friedensvertrag. Er beendete einen zwölfjährigen Bürgerkrieg, der mindestens 75 000 Opfer gefordert hatte. Der FMLN wandelte sich in eine politische Organisation. Die grösste Fraktion im Parlament oder den Präsidenten hat sie seither allerdings nie gestellt.

Jetzt aber herrscht Aufbruchstimmung. Die Sitzgewinne im Parlament werden ihr bis zum offiziellen Ende der Stimmenauszählung kaum mehr streitig gemacht werden. Und in den Umfragen für die Präsidentschaftswahlen vom 15. März liegt der FMLN-Kandidat und ehemalige Fernsehjournalist Mauricio Funes deutlich vor seinem Arena-Widersacher Rodrigo Ávila. Funes könnte in einer historischen Wahl der erste linksgerichtete Präsident des kleinen zentralamerikanischen Staates werden, in dem sieben Millionen Menschen auf der Hälfte der Fläche der Schweiz leben.

Armut und Kriminalität

Die konservative und ausserordentlich USA-freundliche Allianz Arena ist in El Salvador seit 20 Jahren an der Macht. Der neoliberale Präsident Antonio Saca aber hat die beiden grössten Probleme des Landes in seiner seit 2004 dauernden Amtszeit nicht annähernd in den Griff bekommen: Armut und Kriminalität. Die Wirtschaftsprobleme verstärkten sich zuletzt drastisch. Kein Land in Lateinamerika hängt so stark wie El Salvador von Rimessen ab – Geld, das Landsleute aus dem Ausland senden. Die Krise in den USA, wo der Grossteil der salvadorianischen Diaspora lebt, hat gravierende Auswirkungen.

Mindestens so sehr beschäftigen gewalttätige Jugendbanden die Bevölkerung. El Salvador weist mittlerweile die höchste Mordrate auf dem Kontinent aus, sie liegt bei rund 60 pro Jahr und 100 000 Einwohnern. Die Politik der «superharten Hand» von Präsident Saca hat wenig gebracht. Die «Mara Salvatrucha» und andere Banden sind zu internationalen Organisationen angewachsen, die in den Kokainschmuggel von Südamerika in die USA und vieles mehr involviert sind.

17 Jahre nach Ende des Krieges scheint nun die Zeit für einen Machtwechsel gekommen. Was die FMLN von 1980 bis 1992 in einem fürchterlichen Bürgerkrieg mit Waffengewalt nicht erreichte, könnte ihr nun demokratisch gelingen: die Macht zu erobern.

San Salvador an Arena verloren

Grenzenlos ist die FMLN-Euphorie nach den Parlamentswahlen vom Sonntag aber noch nicht. Die Stimmbürger wählten auch 262 Bürgermeister. Zwar verzeichnete die FMLN hier ebenfalls Zugewinne. Das wichtigste Amt aber, den Bürgermeister-Posten der Hauptstadt, verlor die Partei nach zwölf Jahren an die Arena.

Aktuelle Nachrichten