Eisiges Klima auf Alaska-Reise

US-Präsident Barack Obama drängt die Weltgemeinschaft vor der Kulisse schmelzender Gletscher in Alaska zum Handeln beim Klimaschutz – und erntet auch viel Kritik.

Thomas Spang
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ANCHORAGE. Barack Obama liess es an Dramatik nicht missen, als er zum Auftakt seines dreitägigen Besuchs in Alaska über die ganz realen Konsequenzen des Klimawandels sprach. «Wir handeln nicht schnell genug», erklärte der Präsident an vier Stellen seiner Grundsatzrede vor den Teilnehmern einer Konferenz der Anrainerstaaten des Polarkreises in Anchorage. «Klimawandel ist nicht länger ein Problem, das in ferner Zukunft liegt. Es passiert hier, es passiert jetzt.»

«Verpflichtung nachkommen»

Als Führer der grössten Volkswirtschaft der Welt und des zweitgrössten Verursachers von Treibhausgasen erkenne er die Verantwortung der USA für die Situation an. «Wir werden unserer Verpflichtung nachkommen, das Problem zu lösen.»

Obama wird in den kommenden beiden Tagen seine Botschaft mit einer Wanderung durch einen schmelzenden Gletscher, den Besuch einer Stadt, die wegen des steigenden Meeresspiegels umgesiedelt werden muss und Begegnungen mit Ureinwohnern, die von dem Klimawandel betroffen sind, verstärken. «Der Klimawandel ist in Alaska bereits spürbar und betrifft die Leben und die Lebensweise der Menschen in vielfacher Weise», sagt Obamas Top-Klima-Berater im Weissen Haus, Brian Deese. In Alaska seien die Temperaturen doppelt so schnell geklettert wie in anderen Teilen der Welt.

Höhepunkt der Reise dürfte der Besuch in der am Polarkreis gelegenen 3000 Einwohner zählenden Stadt Kotzebue sein, die zu versinken droht – wie insgesamt vier andere Gemeinden entlang der Küste Alaskas.

«Stellen Sie sich einmal vor, ein anderes Land drohte damit, eine amerikanische Stadt vom Erdboden verschwinden zu lassen», dramatisierte Obama die Situation vor der ersten Reise eines amtierenden Präsidenten an den Polarkreis. «Würden wir nicht alles tun, uns zu schützen?» Genau das sei die Herausforderung, vor die der Klimawandel Amerika heute stelle.

Kritik wegen Ölbohrung

Die Umweltorganisation Credo begrüsste die Reise Obamas nach Alaska, kritisierte aber das «Einknicken» des Präsidenten vor dem Energie-Riesen Shell, der kurz vor der Abreise die Genehmigung erhielt, am Polarkreis nach Öl zu bohren. «Klima-Führer bohren nicht in der Arktis», erklärte Credo, deren Mitglieder zusammen mit Greenpeace und anderen Gruppen am Rande der Konferenz der Polarkreis-Anrainer in Anchorage gegen die Entscheidung protestierten. «Es ist höchst widersprüchlich, dass jemand, der so viel für den Klimaschutz getan hat, etwas tut, das zu einer echten Tragödie führen kann», meinte Travis Nichols von Greenpeace.

Der unabhängige Gouverneur des Bundesstaates Alaska, Bill Walker, findet etwas ganz anderes tragisch. «Ich möchte ihm die Menschen zeigen, die ihren Job verloren haben, die Polizisten, die nicht mehr im Dienst sind und die brandneuen Helikopter, die wir einmotten mussten», klagte Walker über die zurückgehenden Einnahmen aus der Energie-Förderung. Er hoffe, der Präsident verstehe nach den drei Tagen in seinem Bundesstaat, «wie sehr Alaska von seinen natürlichen Ressourcen abhängt».

Selbst der Führer der oppositionellen Demokraten im Repräsentantenhaus von Alaska, Chris Tuck, äusserte Unbehagen mit dem Programm Obamas. Er hoffe nicht, so frotzelte Tuck in der amerikanischen Presse, «dass wir am Ende für das Abschmelzen der Gletscher verantwortlich gemacht werden.»