Einer der reichsten Norweger soll seine Frau ermordet haben: Ist das Rätsel um die verschwundene Millionärsgattin gelöst? 

Tom Hagen, der einst ein Millionen-Lösegeld für ein Lebenszeichen seiner Ehefrau bezahlt hatte, soll hinter dem Verschwinden stecken. Eine absurde Geschichte.

Niels Anner aus Kopenhagen
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Ermittler bei der Arbeit: Aus diesem Haus in Lørenskog bei Oslo soll die Millionärsgattin Anne-Elisabeth Hagen entführt worden sein.

Ermittler bei der Arbeit: Aus diesem Haus in Lørenskog bei Oslo soll die Millionärsgattin Anne-Elisabeth Hagen entführt worden sein. 

Bild: Heiko Junge / EPA (28. April 2020)

Damit hatte kaum jemand gerechnet: Seit eineinhalb Jahren ist Anne-Elisabeth Hagen spurlos verschwunden, aus ihrer luxuriösen Villa direkt an einem See östlich von Oslo entführt. Es gab Lösegeldforderungen in einer Kryptowährung, Mitteilungen auf verschlüsselten Kanälen – doch keine Spur von ihr. Nun hat die Polizei am Dienstagmorgen ihren 70-jährigen Ehemann verhaftet. Der Investor Tom Hagen, der zu den 200 reichsten Norwegern gehört, wird beschuldigt, seine Frau umgebracht zu haben – oder zumindest an ihrer Ermordung beteiligt gewesen zu sein.

Der Fall löste Anfang 2019 Rätselraten, aber auch Angst und Schrecken aus, vor allem unter wohlhabenden Norwegern. Damals teilte die Polizei mit, die 68-jährige Anne-Elisabeth Hagen werde bereits seit zwei Monaten vermisst – man habe dies aber aus ermittlungstaktischen Gründen geheim gehalten.

Man fürchtete um das Leben der Millionärs-Gattin, die offenbar aus ihrem Badezimmer entführt worden war, als sie alleine zu Hause war. Doch nun ging die Polizei an die Öffentlichkeit, denn es fehlte von Hagen jede Spur. Der Kontakt zu den mutmasslichen Entführern gestaltete sich schwierig: Sie forderten umgerechnet 10 Millionen Franken Lösegeld in Form der Kryptowährung Monero, und die Kommunikation war nur schleppend, auf einem anonymen, digitalen Weg möglich. Die Familie bezahlte vorerst nichts, weil sie keinen Beweis erhielt, dass Anne-Elisabeth Hagen noch lebte.

Ein Polizist mit einem Hund am mutmasslichen Tatort bei der Arbeit.

Ein Polizist mit einem Hund am mutmasslichen Tatort bei der Arbeit. 

Bild: Heiko Junge / EPA (28. April 2020)

Sogar das FBI hat bei den Ermittlungen geholfen

Die Entführer hatten im Haus der Hagens einige ausgedruckte Seiten hinterlassen, auf denen sie Geld forderten und mit der Ermordung der Entführten drohten. Laut Medienberichten soll die Mitteilung aus einer Mischung von «gebrochenem Norwegisch, Osteuropäisch und Google translate» geschrieben worden sein. Zudem veröffentlichte die Polizei ein Video, das zwei Männer zeigte, die scheinbar das Unternehmen von Tom Hagen ausspionierten.

Der Investor hat mit Immobiliengeschäften und in den letzten Jahren vor allem im Stromhandel ein Millionenvermögen erwirtschaftet, lebte aber ein unauffälliges Leben. Nun wurden in seinem Villenquartier Anwohner und Handwerker befragt, und es gingen mehrere Hundert Hinweise aus der Bevölkerung ein. Auch das amerikanische FBI half bei den Ermittlungen.

Die Monate verstrichen jedoch, ohne dass es ein Lebenszeichen oder eine Spur gab. Die beiden Männer auf dem Video, der «Telefonmann» und der «Hutmann» wurden nie gefunden, und auch, als man herausfand, wo das Papier für den Erpresserbrief gekauft worden sein könnte, kamen die Ermittlungen nicht weiter.

Eine Million für ein Lebenszeichen

Im Sommer erklärte die Polizei, sie rücke ab von der Theorie einer Entführung ab, es könnte vielmehr um eine Ermordung gehen – weil man nichts mehr von den Tätern hörte. Während der Anwalt der Familie diese Darstellung für falsch hielt, intensivierten die Ermittler technische Untersuchungen in der Umgebung der Villa, zu Wasser und zu Land. Dabei kamen auch speziell trainierte schwedische Polizeihunde und Geräuschexperten zum Einsatz. Gefunden wurden Plastikstrips und Schuhabdrücke – doch auch diese Spur schien zu versanden. Währenddessen erklärte Hagens Anwalt, man habe umgerechnet rund ein Million Franken bezahlt, um im Gegenzug ein Lebenszeichen zu erhalten. Ohne Erfolg.

Der Fernsehsender NRK berichtete am Dienstag, er habe in Erfahrung gebracht, dass die Polizei in den letzten Monaten heimlich gegen Tom Hagen ermittelte. Die Zeitung «VG» schrieb, Anne-Elisabeth Hagen habe Bekannten erzählt, dass sie seit Jahren in einer «turbulenten Ehe» gelebt habe und eine Trennung wünschte.

Auch am Arbeitsort von Tom Hagen nahm die Polizei Ermittlungen auf.

Auch am Arbeitsort von Tom Hagen nahm die Polizei Ermittlungen auf. 

Bild: Thomas Junge / EPA (28. April 2020)

Die gerichtlich abgesegneten Geheimermittlung führte nun offenbar dazu, dass der Millionär am Morgen auf dem Weg zur Arbeit von mehreren Streifenwagen angehalten wurde. «Es gibt deutliche Hinweise auf ein geplantes Täuschungsmanöver. Wir denken, dass es nie eine Entführung gab», erklärte Chefermittler Tommy Bröske. Mit der Zeit habe sich der Verdacht gegen Hagen verstärkt.

Am Mittwoch soll über Untersuchungshaft entschieden werden. Hagen selber hat sich bisher noch nicht geäussert. Die Polizei schliesst nicht aus, dass weitere Personen in das Verbrechen involviert gewesen sind. Es gebe, erklärte der zuständige Staatsanwalt, verschiedene Theorien für ein Motiv, doch wolle man darüber noch nichts sagen.

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