Eine Zone der Unsicherheit

Nach der grundsätzlichen Einigung auf eine «Sicherheitszone» im Norden Syriens können sich die Türkei und die USA nicht darauf einigen, wer dort die Sicherheit garantieren solle.

Michael Wrase
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Syrisch-kurdische Kämpfer, Alliierte der türkisch-kurdischen PKK. (Bild: ap/Mursel Coban)

Syrisch-kurdische Kämpfer, Alliierte der türkisch-kurdischen PKK. (Bild: ap/Mursel Coban)

LIMASSOL. In der Theorie sieht alles ganz einfach aus: Die USA und die Türkei haben sich am vergangenen Wochenende auf die Schaffung einer von den IS-Jihadisten befreiten Sicherheitszone im Norden Syrien geeinigt. Gemeinsam sollten die Luftwaffen der beiden Nato-Staaten die Terrormilizen der Jihadisten vertreiben. Deren Platz sollten dann in einem knapp 100 Kilometer breiten und bis zu 40 Kilometer tiefen Korridor südlich der türkisch-syrischen Grenze gemässigte syrische Rebellen einnehmen, um das Gebiet zu kontrollieren.

Al-Qaida-Ableger keine Option

Als sich die amerikanischen Militärplaner dann die militärische Gemengelage in Nordsyrien näher ansahen, stellten sie fest, dass ihnen zur Umsetzung des Plans die Partner fehlen.

Mit der von der Türkei, Saudi-Arabien und Qatar unterstützten und in der Region starken Nusra-Front werde man «auf keinen Fall zusammenarbeiten», stellte ein Regierungssprecher in Washington klar. Eine wirklich schlagkräftige arabische Alternative zu dem syrischen Al-Qaida-Ableger, welche das Prädikat «gemässigt» auch verdiente, gibt es in Nordsyrien aber einfach nicht. Seit mehr als zwei Jahren bemühen sich die USA zwar um den Aufbau einer Rebellenstreitmacht, deren Mitglieder keine extremistischen Ansichten und Neigungen haben dürfen. Solche Männer sind in Syrien derzeit jedoch rar.

«Gemässigte» Syrer verschleppt

Von 6000 Kandidaten bestanden 1500 die Musterung. 200 durften das Training in der Südtürkei beginnen. Abgeschlossen haben die sechsmonatige Ausbildung lediglich 54 Syrer. Die von den USA als 100prozentig gemässigt eingestuften Milizionäre wurden im letzten Monat in die Region von Aleppo geschickt, um dort die «Freie Syrischen Armee» (FSA) zu verstärken.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass 18 der 54 «Gemässigten» gestern von den Jihadisten der Nusra-Front verschleppt wurden. Unter ihnen ist mit dem syrisch-turkmenischen Oberst Nedim Hassan auch der syrische Leiter des amerikanischen Ausbildungsprogramms für gemässigte Syrer.

Erfolgreich waren nur Kurden

Mit dem Kidnapping signalisiert die Al-Qaida-Filiale sowohl der Türkei als auch den USA, wer in Nordsyrien, und nicht nur dort, die erste Geige spielt.

Dennoch kommt eine massive amerikanische Luftunterstützung für die Nusra-Front kaum in Frage. Für Washington ist es einfach sinnlos, wenn der IS in Nordsyrien von Al Qaida abgelöst wird. Erfolgversprechender wäre es aus Sicht der Amerikaner, nördlich von Aleppo weiterhin mit den syrischen Kurden und deren arabischen Verbündeten zu kooperieren, statt diese auf türkischen Druck hin fallenzulassen. Mit US-Luftunterstützung hatten sie bereits ein Gebiet von der Grösse des Kanton St. Gallen freikämpfen können.

Türkisches Ziel Aleppo?

Doch diese bisherige Militärallianz mit kurdischer Beteiligung will die Türkei auf keinen Fall weiterführen. Ankara hatte schon zu Monatsbeginn mit einer Militärintervention gedroht, sollten die syrisch-kurdischen Volksverteidigungsmilizen YPG auch die letzten 100 Kilometer der 800 Kilometer langen Grenze zur Türkei kontrollieren.

Auch nach über vier Jahren Krieg drängt Ankara auf den Sturz von Bashar al Assad – koste es, was es wolle. Viele Syrer argwöhnen zudem das unausgesprochen Ziel der Türkei sei die Eroberung der Stadt Aleppo, die nur 20 Kilometer südlich der geplanten Sicherheitszone liegt.