Eine Verhaftung mit Fragezeichen

Thailands Polizei verhaftet nach dem Attentat vom 17. August einen verdächtigen Ausländer und untergräbt die eigene Glaubwürdigkeit: Als Beweis wurde das Bild einer Selbstmordweste präsentiert, das seit 2013 im Internet kursiert.

Willi Germund
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BANGKOK. Die Verhaftung war auf den grösstmöglichen Schaueffekt angelegt. Am Samstagnachmittag um 15 Uhr griffen Dutzende von Polizisten einer Spezialeinheit in einem Apartmentgebäude im Noong Chong Distrikt zwischen der Metropole Bangkok und der Stadt Chonburi zu. Hunderte von Schaulustigen und Medienvertretern drängten sich vor der Absperrung, als der Verdächtige, laut gefälschtem Pass ein 28jähriger Türke namens Adem Karadag, zum Verhör in eine Militärkaserne in Bangkok gebracht wurde. «Wir glauben, dass er in das Bombenattentat vom 17. August verwickelt war», erklärte wenig später ein Polizeisprecher.

Weste für Übungszwecke

Es wäre fast zwei Wochen nach dem blutigen Anschlag, der 20 Menschenleben und 130 Verletzte forderte, ein sensationeller Durchbruch für Thailands Sicherheitsbehörden gewesen. Der Mann sei dank der Überprüfung von Mobilfunkdaten ausfindig gemacht worden. Doch dann legte die regierende Militärjunta selbst das Saatkorn des Zweifels. Sie sabotierte die eigene Glaubwürdigkeit mit einer von den Generälen organisierten Fernsehübertragung, die alle Sender des Landes übernehmen mussten. Unter anderem wurde eine mit Sprengstoff gefüllte Selbstmordattentäterweste gezeigt, die angeblich neben Rohren und Kugellagern in der Wohnung des Verhafteten entdeckt worden war. Das Problem: Das Foto der Weste existiert bereits seit dem Jahr 2013 im Internet. Die Weste war von US-Behörden zu Übungszwecken eingesetzt worden. Plötzlich schien die ganze Verhaftungsaktion fraglich. Schliesslich greifen Sicherheitskräfte im Falle hochgefährlicher Täter, die bewaffnet sein könnten, lieber in der Nacht und nicht am helllichten Tag zu. Kaum war klar, dass es sich um ein falsches Foto handelte, wurden auch die übrigen Berichte über gefundenes Material zum Bombenbau bezweifelt. Neu wäre dieses Vorgehen nicht: Thailands Polizei und Militär griffen auch schon früher zu gefälschtem Beweismaterial, wenn es ihren Zwecken diente.

«Ausländische Kriminelle»

Angeblich fand die Polizei Material zum Bombenbau in der Wohnung, das auch beim Anschlag eingesetzt worden war. Neben 250 schlechten Fälschungen von türkischen Pässen soll auch feststehen, dass die Wohnung gemeinsam mit anderen Ein-Zimmer-Apartments in dem Gebäudeblock bereits vor über einem Jahr von einem Türken angemietet worden sei.

Ein thailändischer Reporter, der kritisch nachfragte, musste sich vom dünnhäutigen Polizeichef Somyut Pumpanmuag die Antwort gefallen lassen: «Sind Sie ein richtiger Thailänder?» Zuvor hatte der General behauptet, bei dem Anschlag habe es sich nicht um einen Attentat des internationalen Terrorismus gehandelt, sondern um die Racheaktion einer Gruppe ausländischer Krimineller, deren Unterweltsaktivitäten gestört worden seien. Ein Polizeisprecher: «Wir wissen nicht, ob es sich um den Attentäter selbst handelt. Wir vermuten, er ist noch in Thailand, weil seine falschen Papiere so schlecht sind.»

Chinesen kommen nicht mehr

Thailands Machthaber versuchen seit dem Attentat, das Blutbad vor dem Erawan-Schrein als Tat von Kriminellen einzuordnen – oder, wie Junta-Chef General Prayuth Chan-ocha, es den Anhängern der 2014 gestürzten Premierministerin Yingluck Shinawatra unterzuschieben.

Der verhaftete Mann mit kurzen Haaren und einem Drei-Tage-Bart scheint die Aussage zu verweigern. «Wir versuchen, ihm seine Lage unter Wahrung seiner Rechte klarzumachen», so Armeechef Udomdej Sitabutr, «aber er weigert sich, zu kooperieren.»

Das Attentat, bei dem auch mehrere Chinesen getötet wurden, verursachte unterdessen einen massiven Einbruch der Touristenbesuche aus China. «Wir haben überhaupt nichts zu tun», erklärte die Mitarbeiterin eines Reisebüros, das seit Jahren auf dieses Geschäft gesetzt hatte.