«Eine Stinkbombe vor der eigenen Tür»

Nach dem weiteren Atomtest Nordkoreas richten sich die Augen der Welt auf China. Dort wachsen die Zweifel, ob sich Pekings Treue zu Pjöngjang noch lohnt. Im Internet hagelt es Wut und Spott.

Bernhard Bartsch
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Ärgert China: Kim Jong Un. (Bild: ap)

Ärgert China: Kim Jong Un. (Bild: ap)

PEKING. Die Demonstration ist eine Einmannshow. «Protest gegen Nordkoreas Atombombentest» steht auf dem Karton, mit dem sich ein junger Mann am Dienstag vor Nordkoreas Konsulat im chinesischen Shenyang stellt. Er lässt sich fotografieren und geht, bevor die Polizei ihm Ärger bereitet. Das Bild stellt er später ins Internet – die eigentliche Demonstration findet dort statt.

«Ultimative Dummheit»

Seitdem Nordkorea am Dienstag 75 Kilometer von der chinesischen Grenze entfernt in einem Bergwerk seine dritte Atombombe getestet hat, protestieren im chinesischen Internet Millionen gegen den aggressiven Nachbarn. Sorgen über mögliche Strahlenschäden oder einen Krieg mischen sich mit Spott und politischer Kritik. Der bekannte Aktivist Hu Jia publizierte einen Mitschnitt eines Anrufs bei der nordkoreanischen Botschaft. «Ich wollte nur mitteilen, dass ich, der chinesische Bürger Hu Jia, gegen Ihren Atomtest bin», sagt er. «Was? Sind Sie verrückt geworden?», lautet die Antwort. Viele Chinesen kritisieren auch die eigene Regierung. Einer nennt die sozialistische Brudertreue mit dem Norden eine «ultimative Dummheit», ein anderer wirft ihr vor, «das eigene Haus von einem verrückten Hund bewachen zu lassen». Der einflussreiche Akademiker Yu Jianrong von der staatlichen Akademie für Sozialwissenschaften sagte, der Atomtest und der öffentliche Aufschrei seien für Peking peinlich, aber die verdiente Strafe für eine falsche Politik. «Wenn man langfristig eine verfehlte diplomatische Linie verfolgt, darf man sich nicht wundern, wenn vor der eigenen Tür eine Stinkbombe explodiert.»

Für China steht viel auf dem Spiel

Dass Chinas Reaktion auf den Atomtest nicht nur international, sondern auch im Land kritisch beobachtet wird, bringt seine Diplomaten unter Zugzwang. Von China wird abhängen, wie stark die Antwort der UNO ausfallen kann – und ob mögliche neue Sanktionen auch effektiv umgesetzt werden. China ist Nordkoreas wichtigster Handelspartner und versorgt dessen Elite auch mit Luxuswaren wie teuren Autos, die Nordkorea nach geltenden UNO-Sanktionen nicht einführen dürfte.

Derzeit wickelt Peking sein Standardprogramm ab: Noch am Dienstag bestellte das Aussenministerium Nordkoreas Botschafter ein. In einer Presseerklärung rief China alle Seiten auf, einen kühlen Kopf zu bewahren und die seit 2009 ausgesetzten Pekinger «Sechsparteiengespräche» zu Nordkoreas Atomprogramm wiederaufzunehmen.

Doch chinesische Nordkorea-Beobachter stellen in ihrer Regierung wachsende Frustration fest. Die Frage, ob sich die Treue lohnt, ist nicht mehr tabu. Peking habe gehofft, der junge Herrscher Kim Jong Un sei zu Reformen bereit, meint Jin Canrong von der Pekinger Volksuniversität. «China hat ihm einen warmen Empfang bereitet, aber es kam keine Dankbarkeit zurück», sagt Jin.

Cai Jian, Korea-Experte der Shanghaier Fudan-Universität, hält es für möglich, dass China seine Hilfslieferungen kürzen könnte. «China will zeigen, dass es zu echten Taten bereit ist», sagt er. Das Bündnis mit Nordkorea werde China aber nicht grundsätzlich auf den Prüfstand stellen. Sowohl militärisch als auch wirtschaftlich steht für die Volksrepublik zu viel auf dem Spiel: Sie braucht Nordkorea als Pufferstaat zu den in Südkorea stationierten US-Truppen. Zudem geniessen Chinas Unternehmen weitgehend exklusiven Zugang zu Nordkoreas Rohstoffen, Häfen und Arbeitskräften.

Zensur über die Grenzen

Bisher ging die Brudertreue so weit, dass Chinas Zensoren auf Wünsche aus Pjöngjang eingingen. Als sich Nordkoreas Regierung Ende Januar über einen Bericht des «Shenzhen Satellite TV» beschwerte, wonach Kim Jong Un sich das Gesicht habe liften lassen, ordneten die Propagandabehörden an, solche Meldungen nicht weiterzuverbreiten. Doch die Bereitschaft von Chinas Journalisten, nun auch noch Rücksicht auf Nordkorea zu nehmen, dürfte gering sein. «Nordkorea ist auf dem falschen Weg, und sein Volk wird den Preis für die Fehler des Landes zahlen», schrieb Hu Xijin, Chefredaktor der parteinahen Zeitung «Global Times», nach dem Atomtest im Internet. «Über die Legitimität von Nordkoreas Führung sollten wir noch einmal nachdenken.»