Eine Stadt setzt auf rechtzeitige Hilfe

Nach den Attentaten von Kopenhagen ist auch in Dänemark eine Debatte über den Islam entbrannt. Die Stadt Aarhus aber packt das Problem radikalisierter Junger und heimgekehrter Jihadisten an und versucht, ihnen zu helfen. Ein umstrittenes, aber erfolgreiches Projekt.

Niels Anner/Kopenhagen
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Oussama El-Saadi (Bild: nan.)

Oussama El-Saadi (Bild: nan.)

Nach den Terroranschlägen in Kopenhagen von Mitte Februar stellt sich die Frage, wie Extremisten entdeckt und gestoppt werden können, in Dänemark dringlicher denn je. Die Regierung hatte unmittelbar danach angekündigt, die Mittel für die Geheimdienste deutlich zu erhöhen. Gleichzeitig empfiehlt sie das sogenannte Aarhus-Modell zur Nachahmung. Dies ist ein international beachtetes, aber auch kontrovers beurteiltes Projekt, mit dem die zweitgrösste dänische Stadt Aarhus mit rund 260 000 Einwohnern versucht, aus Syrien heimkehrende Kämpfer wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Gleichzeitig sollen radikalisierte Junge daran gehindert werden, zu Jihadisten und Terroristen zu werden.

«Eine Zukunft haben»

Das Projekt, in welchem Polizei- und Sozialbehörden eng zusammenarbeiten, umfasst Unterstützung bei der Suche nach einer Wohnung, Ausbildung und Arbeit sowie psychologische Betreuung. Hinzu kommt die Begleitung durch Mentoren. «Wenn wir nicht wollen, dass radikalisierte Personen zu einem Risiko werden, müssen sie in der Gesellschaft eine Zukunft haben», erklärt Jacob Bundsgaard, der Bürgermeister von Aarhus. Der Sozialdemokrat betont, dass die strafrechtliche Verfolgung wichtig sei, aber eben nicht nur.

Wenn es Beweise gebe, dass jemand mit der Terrormiliz «Islamischer Staat» (IS) gekämpft habe, erhebe man Anklage, sagt der Polizeidirektor der Stadt, Jörgen Ilum. Oft sei dies aber schwierig nachzuweisen, und nach Syrien zu reisen, sei an sich nicht illegal. «Sobald wir jemanden als gefährlich beurteilen, informieren wir den Geheimdienst. Das sagen wir offen», sagt Ilum. Einige Rückkehrer schrecke das ab, doch die meisten seien desillusioniert und traumatisiert; sie nähmen die Hilfe der Behörden gerne an.

In Problemvierteln ansetzen

Im Moment ist auch die Hauptstadt Kopenhagen daran, Teile des Aarhus-Modells umzusetzen – auf Omar El-Hussein hatte dies allerdings keinen Einfluss mehr. Der Attentäter, der Mitte Februar bei Angriffen auf ein Kulturzentrum und eine Synagoge zwei Personen tötete und fünf Polizisten verletzte, ehe er von der Polizei erschossen wurde, ist aller Wahrscheinlichkeit nach im Gefängnis radikalisiert worden; trotz Warnungen der Vollzugsbehörden hatte der Geheimdienst jedoch keine Gefährdung erkannt. Die Überwachung von Personen sei derart aufwendig, dass sie nie bei allen Risikopersonen möglich sei, analysierte «Politiken», eine der drei grossen Tageszeitungen des Landes.

Der angesehene schwedische Terrorexperte Markus Ranstorp sagt, Dänemark mache an sich vieles richtig im Kampf gegen Terror, es gebe aber keine hundertprozentige Sicherheit: «Umso mehr braucht es neben Repression auch Prävention im Sinne des Aarhus-Modells gegen die Radikalisierung von Jungen.» Man müsse in den Gefängnissen ansetzen, sagt Ranstorp, aber auch in jenen Vorortsvierteln, die geprägt sind von hohem Ausländeranteil, sozialen Problemen und Spannungen, Arbeitslosigkeit und kriminellen Gangs.

Die Prävention greift

Ob in Kopenhagen oder Aarhus – Sozialarbeiter beschreiben die in den «Ghettos» aufwachsenden Nachkommen von Einwanderern, viele von ihnen Moslems, als zerrissen zwischen zwei Kulturen. Sie fühlen sich von der Gesellschaft benachteiligt und nicht akzeptiert. Auf diesem Nährboden, so sind sich Experten einig, finden Extremisten und radikale Prediger leicht Anhänger. Zur Beerdigung des Attentäters Omar El-Hussein kamen mehrere hundert Personen; viele von ihnen vermummt. Einzelne lobten auf sozialen Medien seine Attentate. El-Hussein, ein in Dänemark geborener Sohn von Palästinensern, hatte vor seinem Tod die Absicht geäussert, sich dem «Islamischen Staat» anzuschliessen, so wie es bereits über hundert Dänen getan haben – eine gemessen an der Bevölkerung Dänemarks überproportional hohe Zahl (vergleiche Text unten).

Rund ein Drittel der dänischen Jihadisten stammte aus Aarhus. Allerdings versiegte im vergangenen Jahr der Strom aus der Stadt – ein Erfolg des Aarhus-Modells, ist Polizeidirektor Jörgen Ilum überzeugt. Die Prävention greife mittlerweile oft rechtzeitig – dann, wenn sich besorgte Eltern, Lehrer oder Sozialarbeiter an die Anlaufstelle der Stadt wenden. Fachpersonen, unter ihnen auch moslemische Mentoren, könnten dann versuchen, zu den Jugendlichen ein Vertrauensverhältnis aufzubauen und radikale Ideologien zu hinterfragen.

Trotz Kritik noch eine Mehrheit

Bürgerliche und rechtspopulistische Politiker haben das Aarhus-Modell immer wieder als zu «weich» kritisiert. Sie zweifeln die Wirksamkeit an und erachten die Opferperspektive als falsch. Vielmehr seien härtere Strafen nötig, befand unlängst auch ein Kopenhagener Sozialdemokrat.

Das Grundproblem sei der Islam als «aggressive Religion», findet Pia Kjaersgaard, die ideologische Vordenkerin der erstarkten rechtspopulistischen dänischen Volkspartei (DF). Sie zielt insbesondere auf die umstrittene Grimhöjvej-Moschee (vergleiche Text unten), die in einem Industriegebiet im Westen von Aarhus steht. Dort verkehrten gemäss Angaben der Polizei 22 der 31 Syrien-Reisenden aus Aarhus. Wie die Volkspartei behauptet, wird in der Moschee an Besuchern eine «radikale Gehirnwäsche» durchgeführt. Auch bürgerliche Politiker haben die Schliessung der Moschee gefordert.

Doch in Aarhus steht weiterhin eine politische Mehrheit hinter dem Integrationsprogramm; man sieht es als Notwendigkeit an. Polizeidirektor Jörgen Ilum sagt, es sei ein «schwieriges Handwerk» – und er muss es wissen. Aber um die Syrien-Jihadisten zu stoppen und Kriminalität zu verhindern, sei der Kontakt zu den radikalisierten Personen wichtig. Würden sie «unter dem Radar» der Behörden bleiben, werde es richtig gefährlich.

Grimhöjvej-Moschee in Aarhus. (Bild: nan.)

Grimhöjvej-Moschee in Aarhus. (Bild: nan.)

Das Verhältnis zum Islam polarisiert auch die dänische Gesellschaft: Kundgebung von Pegida Dänemark mit Parolen wie «Nein zu Gewalt und Rassismus». (Bild: epa/Bax Lindhardt)

Das Verhältnis zum Islam polarisiert auch die dänische Gesellschaft: Kundgebung von Pegida Dänemark mit Parolen wie «Nein zu Gewalt und Rassismus». (Bild: epa/Bax Lindhardt)

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