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«Eine schleichende Verschiebung moralischer Grenzen»

Nachgefragt
Isabelle Daniel

Der Politikwissenschaftler Leon Valentin Schettler forscht an der Universität Potsdam unter anderem zur transnationalen Zivilgesellschaft sowie zum Menschenrechtsschutz internationaler Organisationen. Die aktuellen Missbrauchsskandale seien auch eine Chance für innere Reformen bei den NGOs, sagt er im Interview.

Inwiefern schaden die bekannt gewordenen Missbrauchsfälle unter anderem bei Oxfam und Médecins Sans Frontières (MSF) internationalen Hilfsorganisationen allgemein?

Oxfam und MSF sind sehr prominente und respektierte Repräsentanten der Gemeinschaft internationaler Hilfsorganisationen. Diese zeichnet sich durch enge Kooperation und eine gemeinsame Identität aus. Insofern hat das Handeln von Oxfam und MSF Auswirkungen auf die Gemeinschaft insgesamt. Das kann man natürlich auch als Chance sehen, jetzt auch gemeinsam Reformen umzusetzen.

Gerade die betroffenen Hilfsorganisationen schreiben sich Transparenz auf die Fahnen. Wie konnten die nun bekannt gewordenen Missbrauchsfälle so lange unter Verschluss bleiben?

Auch bei Hilfsorganisationen möchte niemand als vermeintlicher «Verräter» der eigenen Gruppe an den Pranger gestellt werden. Gerade bei werteorientierten NGO-Mitarbeitern führt das Fehlverhalten von Kollegen zu kognitiven Dissonanzen. Um diese Dissonanz auszuhalten, wird das Fehlverhalten weitgehend verdrängt. Hinzu kommt, dass viele Mitarbeiter bei NGOs befristete Arbeitsverträge haben und bei akuten Konflikten beispielsweise mit dem Chef um Anschlussverträge fürchten müssen. Das ist keine Entschuldigung, aber ein Teil der Erklärung. Umso wichtiger sind unabhängige Kontrollinstanzen. Dass die Fälle jetzt ans Licht kommen, hat aber auch mit einem Kulturwandel zu tun.

Also hat auch die Me-Too-Debatte dazu geführt, dass die Vorfälle ans Licht kommen konnten?

Ja, wobei der Wandel schon länger im Gange ist. Noch Anfang der 1990er-Jahre haben an die Öffentlichkeit gelangte sexuelle Übergriffe von UN-Blauhelmtruppen etwa in Kambodscha oder auf dem Balkan noch nicht so viel Aufmerksamkeit erregt. Diese Ignoranz hatte auch mit einem strukturellen Sexismus in den Öffentlichkeiten der Entsendeländer zu tun. Inzwischen gibt es in breiteren Bevölkerungsschichten ein Bewusstsein dafür, wie verbreitet sexuelle Grenzüberschreitungen sind. Grundsätzlich finde ich es aber wichtig, festzuhalten, dass die grosse Mehrheit der Mitarbeiter internationaler NGOs sich völlig korrekt verhält und enorm wichtige Arbeit leistet. Gleichzeitig ist natürlich jeder einzelne Vorfall ein Desaster.

Welche Strukturen begünstigen das Risiko sexueller Übergriffe im Rahmen von humanitären Einsätzen?

Zum einen ist das Risiko vor allem dort hoch, wo Abhängigkeiten bestehen, wo es also eine starke Machtasymmetrie gibt. Das ist gerade nach einem Krieg oder einer Naturkatastrophe im Verhältnis von Helfern und Bedürftigen der Fall. Zweitens steigt das Risiko, wo sich Menschen ausserhalb sozialer Kontrolle bewegen. NGO-Mitarbeiter in Krisengebieten befinden sich fernab ihres sozialen Umfeldes daheim. Zudem ist aufgrund regelmässiger Wechsel des Einsatzortes und hoher Sicherheitsbestimmungen eine tiefergehende Integration im Gastland kaum möglich. So entsteht eine Blase, eine Art Ausnahmezustand, in dem andere Regeln gelten. Oft sind das schleichende Verschiebungen moralischer Grenzen, sogenannte Shifting Baselines, so lange bis Fehlverhalten normal erscheint. Das extremste Beispiel sind wohl die UN-Blauhelmtruppen in Liberia Anfang der 2000er-Jahre. Wenn dann dazukommt, dass, wie bei Oxfam in Haiti geschehen, der Landesdirektor selbst in die Vergehen verwickelt ist, sinkt die Hemmschwelle zusätzlich. Die Verantwortung wird dann an den Chef abgegeben. Das alles ist aber nur möglich, wenn es gleichzeitig keine Sanktionierungsmöglich­keiten gibt.

Welche inneren Reformen schlagen Sie den Organisationen jetzt vor?

Ein Vorbild könnten die Vereinten Nationen sein. Was NGOs von der UNO übernehmen könnten, wäre zum einen, die Prävention zu stärken, zum anderen die Sanktionierung. In der Prävention braucht es mehr Sensibilisierungstrainings sowie ein 50/50-Verhältnis von Männern und Frauen in Einsatzteams und Führungspositionen vor Ort. Weiterhin bräuchte es bessere Strukturen für Whistleblower. Die sind abschreckend und insofern hilfreich. Auf der anderen Seite sind unabhängige Beschwerde­mechanismen für Betroffene nötig, über die ausreichend informiert wird. Oxfam greift wichtige Punkte in seinem Aktionsplan auch auf. Bei sexuellen Straftaten bräuchte es natürlich auch eine Verurteilung vor Gericht statt einer Entlassung als Maximalstrafe.

Was müssen die Organisationen jetzt tun, um ihre Glaubwürdigkeit wiederherzustellen?

Zentral ist, dass die Reformen zügig und glaubwürdig in Form wasserdichter Regularien umgesetzt werden. Wir können nur hoffen, dass die NGOs das auch schaffen. Denn wir brauchen diese Organisationen.

Interview: Isabelle Daniel

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