Eine politische Zumutung

«Le Monde» kommentierte: «Angela Merkel hat versprochen, Angela Merkel zu bleiben.» Und die Kinder von «Spiegel»-Kolumnist Jakob Augstein meinten, «das war interessant», und den Peer Steinbrück fanden sie «voll nett».

Fritz Dinkelmann
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17,6 Millionen Menschen haben das Wahl-TV-Duell zwischen der deutschen Kanzlerin Angela Merkel und Herausforderer Peer Steinbrück gesehen. (Seite 7)

17,6 Millionen Menschen haben das Wahl-TV-Duell zwischen der deutschen Kanzlerin Angela Merkel und Herausforderer Peer Steinbrück gesehen. (Seite 7)

«Le Monde» kommentierte: «Angela Merkel hat versprochen, Angela Merkel zu bleiben.» Und die Kinder von «Spiegel»-Kolumnist Jakob Augstein meinten, «das war interessant», und den Peer Steinbrück fanden sie «voll nett». Der Berichterstatter dieser Zeitung hat ein TV-Kanzlerduell gesehen, das stinklangweilig war. Zu beobachten waren zwei Politik-Abschrecker, die wie Pokerspieler reglos auf die nächste Karte (also Frage) warteten und dabei suggerierten, schon zwei Asse in der Hand zu haben. Plus das As, das sie selbst gerne wären.

Angeblich haben weder Merkel noch Steinbrück einen wahlentscheidenden Fehler gemacht. Versagt haben sie trotzdem. In 90 Minuten haben sie wie Roboter aufgesagt, was alles schon gesagt ist. Unpersönlich und unfassbar blieben beide. Nein, das war nicht nett, das wirkte unnahbar und eiskalt. Eventuell sind von den Millionen Zuschauern ein paar erfroren. Viel reden, nichts sagen. Ein bisschen Griechenland, Euro und im übrigen mit dem Staubwedel über Europa und den Rest der Welt. Als ob Politik die Aufgabe hätte, Oberflächen zu polieren. Als ob Europa nicht dringend politische Impulse und Konzepte brauchen würde, um von den Menschen vielleicht einmal sinnlich wahrgenommen zu werden.

Augstein schrieb: «Merkel musste sich Steinbrück stellen – und sie war ihm nicht gewachsen.» Das ist darum Quatsch, weil sich beide der Wählerschaft nicht gestellt, sondern verstellt haben. In diesem Duell waren zwei Vorgestrige zu beobachten. Bestaunt wie Mumifizierte von einer Jugend, die im Internet lebendig kommuniziert und eine neue Bürgergesellschaft initiiert. Merkel sagte zum Schluss: «Sie kennen mich» – das war ihr As, der Satz zum Sieg.

ausland@tagblatt.ch

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