Eine Nation mit Würde

In Stille versuchen die Niederländer den Absturz von Flug MH17 und den Tod ihrer Landsleute zu verarbeiten. Nun machen sich aber auch ungeduldige und wütende Stimmen bemerkbar.

Fabian Fellmann/Amsterdam
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Trauernde Menschen und ein Blumenmeer am Amsterdamer Flughafen Schiphol. (Bild: epa/Dan Himbrechts)

Trauernde Menschen und ein Blumenmeer am Amsterdamer Flughafen Schiphol. (Bild: epa/Dan Himbrechts)

Es ist einer jener Momente, in denen die Hände nicht mehr wissen, was sie tun sollen. Sie wandern zum Kinn, zur Stirn, zur Brust, bleiben schliesslich unentschlossen in der Luft hängen. Es ist Ratlosigkeit, welche die meisten Menschen erfasst, die an diesem Tag der Staatstrauer an das Blumenmeer vor Abflughalle 3 am Amsterdamer Flughafen Schiphol treten.

Von dort waren eine Woche zuvor 283 Passagiere und 15 Crewmitglieder in eine Boeing 777-200ER der Malaysian Airlines gestiegen, um nach Kuala Lumpur zu fliegen. Doch beim Flug über das Kriegsgebiet in der Ostukraine traf den Jet eine Rakete, vermutlich abgefeuert von separatistischen Kämpfern. Beim Absturz starben alle 298 Personen an Bord.

Tragödie wird greifbar

Vor dem Blumenmeer am Flughafen schmilzt auf einmal die Distanz zu diesen Fakten aus den Nachrichten. Die 298 Todesopfer sind keine anonyme Masse mehr. Sie entpuppen sich als Menschen mit Namen, deren Bekannte persönliche Gegenstände mitgebracht haben. Neben einem Strauss weisser Lilien liegt eine Hello-Kitty-Puppe; der Absturz der MH17 riss auch acht Kinder aus dem Leben.

Das Unglück derart vieler Unschuldiger bewegt die Menschen weltweit tief. Die meisten Trauernden am Flughafen sind aus den Niederlanden, woher auch 193 der Opfer des Flugzeugunglücks stammten. Nach Schiphol kommen sie jetzt für eine Schweigeminute an diesem Tag der Staatstrauer, dem ersten seit dem Tod von Königin Wilhelmina 1962. Es sind viele Angestellte der Luftfahrt gekommen. Die Flugbegleiterinnen der niederländischen KLM wirken wie Ikonen ihres nationalen Schmerzes: Sie gehen aufrecht und sehen in ihren auffälligen, hellblauen Deux-Pièces, mit streng frisierten Haaren und dick aufgetragenem Lippenstift aus wie immer – bis auf die grossen Sonnenbrillen, hinter denen sich gerötete nasse Augen verbergen. Spiegel ihrer aufgewühlten Seelen. Um 16 Uhr krächzt es aus einem Lautsprecher: «Im ganzen Land stehen die Menschen und Maschinen für eine Minute still.» In Schiphol brauchte es keinen Aufruf dazu. Die Menschen hier scheinen in eine Starre verfallen zu sein, die Schock bedeutet, aber auch eine grosse Würde ausstrahlt.

Königspaar in Eindhoven

Eindrücklich wird diese auch am Flughafen in Eindhoven unter Beweis gestellt, wo Offiziere zwei Flugzeuge mit den Leichen der Opfer in Empfang nehmen – endlich, eine Woche nach dem Absturz. Still sitzen König Willem-Alexander und Königin Maxima mit Premierminister Mark Rutte und weiteren Politikern und Würdenträgern eineinhalb Stunden lang in der Sonne, während Soldaten langsam 40 Särge aus den Flugzeugen tragen. Diese werden in einem langen Konvoi von Bestattungsfahrzeugen zur Identifizierung zu einer Militärbasis gefahren. Den Strassenzug säumen Zehntausende von applaudierenden Niederländern – eine Ehrerweisung an die Opfer, aber auch eine Anerkennung der Leistung der niederländischen Politiker. Verkörpert wird diese durch Frans Timmermans, den sozialdemokratischen Aussenminister. An einer wichtigen Sitzung der Uno hatte Timmermans am Dienstag eine emotionale Rede gehalten, seine Kritik an Russland aber genau auf die richtigen Punkte beschränkt. Er verzichtete darauf, dem Kreml eine Mitverantwortung für den Abschuss der MH17 zuzuweisen. Aber er forderte ultimativ eine schnelle Bergung der Leichen und eine internationale Untersuchung ein. Mit dem richtigen Mix aus Zurückhaltung und Emotionalität hat sich Timmermans zu Hause und im Ausland viel Respekt verschafft.

Bisher haben sich fast alle Niederländer an sein Vorbild gehalten. «Das Wichtigste war, dass die Opfer so rasch wie möglich zurückgebracht werden. Das wollte niemand gefährden», sagt ein älterer Taxifahrer mit jenem typischen Pragmatismus der Niederländer, der so gut mit ihrem Geschäftssinn zusammengeht.

Trauermarsch im Zentrum

Doch nun, da die Särge angekommen sind, lassen die Menschen langsam auch ihre Wut zu. An einem improvisiert wirkenden Trauermarsch am Abend im Zentrum von Amsterdam kommen viel mehr Menschen zusammen als erwartet. «Die Niederlande sind klein, hier kennt jeder jemanden, der einem der Opfer nahe stand. Alle Menschen, die ich kenne, trauern», sagt Pieter van Lent. Der 47jährige Arbeitslose hat den Trauermarsch via Facebook organisiert. Er scheint ein akutes Bedürfnis der Menschen gespürt zu haben: jenes nach Zusammensein.

Gleichzeitig hat er mit dem Trauermarsch eine Plattform für all jene geschaffen, die ihren Gefühlen öffentlich Luft machen möchten. Drei Frauen etwa halten eine selbstgebastelte Friedenstaube in die Höhe. «Unsere Nachbarin sass im Flugzeug», sagt eine der Frauen in einem Englisch südostasiatischer Prägung. «Wir demonstrieren für den Frieden, für alle Menschen, egal welcher Hautfarbe.» Dann aber äussert sie auch Kritik: «Wir sind sehr unzufrieden darüber, wie die politischen Parteien reagieren. Sie nehmen den Abschuss überhaupt nicht ernst.» Sie sei enttäuscht von den Politikern in der EU. Sie weisen Russland eine Mitverantwortung am Flugzeugabschuss zu, scheuen aber davor zurück, deswegen den Handel einzuschränken. «Die Niederlande helfen immer auf der ganzen Welt, wenn Schlimmes passiert. Jetzt hat es die Niederlande einmal selbst getroffen und niemand gibt einen Deut», sagt die Frau.

Putins Tochter soll Land verlassen

In den sozialen Medien kommen ähnliche Stimmen auf: Die Niederlande sollen Maria Putina des Landes verweisen, heisst es. Die 29jährige Tochter von Wladimir Putin soll mit einem niederländischen Freund zusammen in Den Haag wohnen. Das dementiert der Kreml zwar, doch inzwischen hat die Polizei an der entsprechenden Adresse ein Schutzdispositiv aufgezogen. Bei einer ersten Demonstration seien Gegenstände gegen das Haus geworfen worden, sagt ein Polizist. Er persönlich sei mit der russischen Politik auch nicht einverstanden. Gewalt aber sei nicht niederländisch, sagt er. Die Russen hätten ihn sogar positiv überrascht: Auch ihre Flagge an der Botschaft steht an diesem Tag der Staatstrauer auf Halbmast.

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