«Eine Frage von Leben und Tod»

Vor den Genfer Friedensgesprächen für Jemen drängen internationale Hilfsorganisationen auf eine Waffenruhe im Land. Der Krieg im Armenhaus Arabiens ist festgefahren, eine politische Lösung noch nicht in Sicht.

Michael Wrase
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Huthi-Milizionäre begutachten Schäden der saudi-arabischen Luftangriffe auf die jemenitische Hauptstadt Sanaa. (Bild: ap/Hani Mohammed)

Huthi-Milizionäre begutachten Schäden der saudi-arabischen Luftangriffe auf die jemenitische Hauptstadt Sanaa. (Bild: ap/Hani Mohammed)

LIMASSOL/SANAA. Es ist eine militärische Faustregel: Kriege können nicht allein aus der Luft entschieden werden.

Elf Wochen nach dem Beginn der Operation «Sturm der Entschlossenheit» gegen Jemen muss dies nun auch die saudi-arabische Luftwaffe erkennen. Vermutlich mit einer gewissen Bestürzung muss die sunnitische Militärallianz mit anderen Golfstaaten zur Kenntnis nehmen, dass die Dauerbombardements die schiitischen Huthi-Rebellen und die mit ihnen verbündeten Truppen des gestürzten Ex-Staatschefs Saleh nicht geschwächt haben. Diese haben sogar mit Gegenangriffen auf Saudi-Arabien begonnen.

26 Millionen Menschen in Not

Gewaltig sind dagegen die humanitären Kosten. 80 Prozent der Bevölkerung Jemens (26 Millionen Menschen) sind auf internationale Hilfe angewiesen, knapp die Hälfte hungert. Weil Saud-Arabien Riad die Einfuhr von Überlebenshilfe blockiert, sind auch die medizinische Versorgung und die Wasserreinigung kaum noch aufrechtzuerhalten. «In einem von Importen abhängigen Land sind Einfuhrgenehmigungen eine Frage von Leben und Tod», sagt Daw Mohammed, Jemen-Beauftragter des Hilfswerks Care.

Gemeinsam mit anderen internationalen Organisationen rief er die Kriegsparteien gestern zu einem sofortigen Waffenstillstand in Jemen sowie zur Beendigung der Versorgungsblockade auf.

Über diese Forderungen wird am Ende aber in der saudischen Hauptstadt in Riad entschieden. Allerdings werden saudische Regierungsvertreter nicht an den am Sonntag in Genf beginnenden «Friedensgesprächen» teilnehmen. Die Interessen Saudi-Arabiens werden in der Schweiz von der «legitimen jemenitischen Regierung» vertreten, welche von den Huthi ins Exil in Riad getrieben wurde und von Saudi-Arabien nun militärische Rückendeckung erhält.

Verhärtete Positionen

Entsprechend hart will – und muss – deren Aussenminister Yassin in Genf auftreten. Verhandlungen mit den Huthi kämen für ihn nicht in Frage, betonte Yassin gestern. Ziel der «Beratungen» sei die Umsetzung der UNO-Resolution 2216, welche den Abzug der Huthi aus Jemens Hauptstadt Sanaa und die Wiedereinsetzung der gestürzten Regierung von Präsident Hadi verlangt.

Für die Huthi kommt wiederum dies nicht in Frage. Man habe nicht elf Wochen lang Widerstand geleistet, um dann am Verhandlungstisch zu kapitulieren. Auch UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon weiss, dass der Jemen-Krieg wohl nicht in Genf beendet werden wird. Für den Südkoreaner wäre es bereits ein Erfolg, wenn sich die Konfliktparteien auf die Modalitäten eines dauerhaften Waffenstillstandes einigen könnten. Denn in einer Atmosphäre fortgesetzter Gewalt würden sich die Fronten dagegen weiter verhärten.

Bereits 2500 Todesopfer

Eine Fortsetzung des Krieges, der bisher fast 2500 Todesopfer, unter ihnen über 600 Kinder, gefordert hat, sei auch für die jemenitischen Konfliktparteien letztlich keine Option, glaubt Ibrahim Sharquieh vom Brookings Doha Center. Deren nach Genf entsandte Vertreter seien sich im klaren darüber, dass der Krieg im Jemen festgefahren sei und nur Kompromisse Auswege aus der Krise eröffneten. Auf der Suche nach Lösungen will aber keine Seite ihr Gesicht verlieren.

Al Qaida profitiert vom Krieg

Vor allem für Saudi-Arabien steht viel auf dem Spiel. Ein am Ende wohl notwendiger politischer Kompromiss mit den Huthi und Saleh lässt sich für Riad schlecht als Erfolg darstellen. Dramatische Konsequenzen für die Saudis hätte aber auch ein weiteres Erstarken von Al Qaida, die, von der saudischen Luftwaffe unbehelligt, die ostjemenitische Provinz Hadramaut kontrolliert.