Eine dramatische Wende

Der wegen Sexualdelikten angeklagte Dominik Strauss-Kahn ist aus dem Hausarrest entlassen worden. Die Staatsanwaltschaft hegt Zweifel an der Glaubwürdigkeit des mutmasslichen Opfers.

Thomas Spang
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Dominique Strauss-Kahn mit seiner Ehefrau Anne Sinclair beim Verlassen des Gerichts in New York. (Bild: ap/Louis Lanzano)

Dominique Strauss-Kahn mit seiner Ehefrau Anne Sinclair beim Verlassen des Gerichts in New York. (Bild: ap/Louis Lanzano)

washington. Diesmal ist der Weg durch das Spalier aus Reportern für Dominique Strauss-Kahn kein Spiessrutenlauf. Stattdessen huscht über sein Gesicht ein Lächeln, während seine Hand auf der Schulter seiner Ehefrau Anne Sinclair ruht. Die wenigen Schritte vom Gericht zum bereitstehenden Geländewagen dürften sich für den zuletzt schwer gedemütigten DSK wie ein Triumphmarsch angefühlt haben. Jedenfalls markieren sie das vorläufige Ende eines Albtraums, der ihn das Amt als IWF-Direktors kostete.

Pass bleibt beim Staatsanwalt

Nach nicht einmal zehn Minuten hob das zuständige New Yorker Gericht beim kurzfristig angesetzten Gerichtstermin den Hausarrest für DSK auf und verfügte die Rückgabe der Millionenkaution. Da das Verfahren aber nicht eingestellt ist, bleibt sein Pass bei der Staatsanwaltschaft. Innerhalb des Bundesstaates New York kann er sich nun aber frei bewegen.

Die Staatsanwaltschaft selbst lieferte der Verteidigung die Vorlage für die spektakuläre Wende. Im US-Strafrecht darf der Ankläger nicht nur belastendes Material vortragen, sondern muss die Verteidigung auch über entlastende Erkenntnisse informieren. Genau dies geschah am Donnerstag bei einem Treffen zwischen dem Chefankläger Cyrus R. Vance und Anwalt Benjamin Brafman.

«Regelrecht gelogen»

Demnach begannen die Ermittler immer mehr zu zweifeln an der Glaubwürdigkeit des mutmasslichen Opfers, des 32jährigen Zimmermädchens im «Sofitel». Die Frau aus Guinea hatte ausgesagt, DSK sei nackt aus dem Bad gekommen und habe versucht, sie zu vergewaltigen. Die Ermittler sicherten vor Ort Indizien: eine zerrissene Strumpfhose und Sperma Strauss-Kahns an der Kleidung der Frau. Vance präsentierte die Frau als Musterbeispiel einer glaubwürdigen Zeugin, die das mutmassliche Verbrechen zeitnah der Polizei gemeldet habe. Nun geben sich die Ankläger kleinlaut. «Sie hat regelrecht gelogen», heisst es. Und das gleich in mehreren Punkten.

Die Frau hatte ausgesagt, sie habe in den USA auch deshalb Asyl erhalten, weil sie in ihrer afrikanischen Heimat vergewaltigt und sexuell verstümmelt worden sei. Tatsächlich findet beides keine Erwähnung im Asylantrag. Falsche Aussagen machte sie anscheinend auch über ihr Verhältnis zu einem Mann, der wegen Drogenhandels und Geldwäsche in einem New Yorker Gefängnis sitzt. Dieser und andere Mitglieder eines Kriminellenrings überwiesen in den letzten beiden Jahren mehr als 100 000 Dollar auf Konten der Frau. Mit dem Geld beglich sie jeden Monat Hunderte Dollar Telefonkosten an fünf verschiedene Unternehmen.

«Opfer gewalttätig angegriffen»

Doch die Frau bestand darauf, weder von den Zahlungen zu wissen noch mehr als ein Telefon zu haben. Am Tag nach dem angezeigten Vergewaltigungsversuch telefonierte sie mit dem inhaftierten Drogenhändler. Aus dem Mitschnitt des Gesprächs geht hervor, dass sie mit ihm darüber sprach, welche Vorteile sie aus der Situation ziehen könnte.

Kenneth P. Thompson, Anwalt der Hotelangestellten, versucht dies alles zu entkräften. Das eine habe mit dem anderen nichts zu tun, sagt er. «Nichts hat die wichtige Tatsache verändert, dass Dominique Strauss-Kahn das Opfer gewalttätig sexuell angegriffen hat.» Die Aussage, es sei zu einvernehmlichen Sex gekommen, sei falsch. «Das ist eine Lüge», sagte der Anwalt vor Gericht. Der Chefankläger sei zu feige, den Prozess zu führen, weil er bereits mehrere Prozesse verloren habe.

«Glaubwürdigkeit zählt»

Thompson aber muss wissen, dass der Fall nun auf tönernen Füssen steht. «In Sexualstrafverfahren hängt alles an der Glaubwürdigkeit der Zeugen», sagte die Rechtsexpertin Holly Hughes im TV-Sender CNN. DNA-Beweise reichten nicht aus, eine Straftat zu etablieren. Schliesslich könnte «die sexuelle Begegnung» einvernehmlich gewesen sein. «Es steht Aussage gegen Aussage.»

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