Eine blutige Lektion für Putin

Seit 15 Jahren will sich Präsident Wladimir Putin im unruhigen Nordkaukasus an der Südflanke seines Reiches für Frieden und Wohlstand einsetzen. Doch die Versprechen kann er nicht halten.

Klaus-Helge Donath/Moskau
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Präsident Wladimir Putin besucht Opfer des Bombenanschlags in einem Spital in Wolgograd. (Bild: ap/RIA-Novosti, Alexei Nikolsky)

Präsident Wladimir Putin besucht Opfer des Bombenanschlags in einem Spital in Wolgograd. (Bild: ap/RIA-Novosti, Alexei Nikolsky)

Als sich Russland 2007 um die Austragung der Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 bewarb, muss sich der Kremlchef seiner Friedensmission schon recht sicher gewesen sein. Zumindest signalisierte er die Zuversicht, in den verbleibenden Jahren den Unruheherd definitiv in den Griff zu bekommen. Es war schon damals eine Täuschung, die den Allmachtsphantasien eines autokratischen Herrschers entsprang. Die Menschen in Russland hingegen sahen es 2013 etwas realistischer. 70 Prozent hielten in Umfragen den Kaukasus nach wie vor für eine hochgradige Gefahrenzone, lediglich 20 Prozent vertrauten dem angeblichen Frieden.

Die Anschläge von Wolgograd haben dem Kremlchef eine blutige Lektion erteilt. Die Blessur ist ihm anzusehen. Wladimir Putins vollmundige Drohung, die Terroristen bis zur «totalen Vernichtung» zu verfolgen, wirkt angesichts der Tragik der Situation und der Versäumnisse unangemessen. Es wirft die bange Frage auf, ob überhaupt oder wie viel der Präsident tatsächlich kontrolliert.

Vertreter einer fremden Kultur

Wladimir Putins selbstherrliches Auftreten irritiert. Es sollte unterdessen nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch die «westliche Wertegemeinschaft» bei ihrer Terrorbekämpfung auf fremdem Terrain nicht Herr der Lage wird. Fast 13 Jahre nach der Intervention in Afghanistan schrumpfen die einstigen Versprechen zu uneingelösten Absichtserklärungen. Der Rückzug aus Kabul hinterlässt die Region wieder den Gotteskriegern der Taliban. Dabei werden Freunde und Helfer geopfert.

Im Unterschied zum Ein-Mann-Staat Russland, wo gepoltert werden darf, durchläuft die westliche Kapitulation indes Dutzende Stadien und Stationen sprachlicher Filterung. Russland hat die europäische Anstandsschule der «höfischen Gesellschaft» nie durchlaufen und ist auch nicht pluralistisch organisiert. Die Machtlosigkeit im Umgang mit dem Gegner hingegen unterscheidet sich bestenfalls in Nuancen.

Hier wie dort spielt auch Überheblichkeit eine Rolle. Viele Russen sehen in den Moslems ihres Reiches Vertreter einer fremden und unterentwickelten Kultur. Die Unkenntnis über den Islam schürt zusätzliche Ängste. Antiislamische Phobien, die auch Europa und den USA nicht fremd sind. Aus dem Munde des Moskauer Kolonialherrn klingen die Vorbehalte jedoch gröber als in der Sprache des Weltpolizisten, dem Demokratisierungsabsichten durchaus abgenommen werden. Auch wenn sie naiv klingen mögen. Im Grunde fehlt es aber Russland ebenso wie den USA und Europa an der Bereitschaft, sich auf Andersartigkeit einzulassen.

Schon beim Umgang mit Opferzahlen zeigt sich eine Schieflage: In einer islamischen Region muss durch Terror schon sehr viel Blut vergossen werden, um die westliche Aufmerksamkeit zu erregen. Das gleiche Bild in Russland: Fast täglich sterben im Nordkaukasus Menschen durch Terror. In die zentralen russischen Medien schaffen es die Opfer indes meist nur, wenn es sich um Russen slawischer Herkunft handelt oder der Blutzoll exorbitant war.

Deutungshoheit liegt beim Staat

Und noch eine Ähnlichkeit ist augenfällig. Wer Terrorist ist, potenzieller Gefolgsmann oder zur Risikogruppe gehört, bestimmen in Moskaus Autokratie nicht anders als in der US-Demokratie staatliche Akteure in einem intransparenten Verfahren. So wird fast jeder Tote nach einem antiterroristischen Eingriff zu einem Terroristen stilisiert. Bei solchen Säuberungen wird in Russland archaisch ausgemerzt. Das Gleiche erledigen US-Drohnen im Mittleren Osten digital. Die Kollateralschäden aber nähren hier wie dort den Boden für den Nachwuchs des Terrors.