Eine Auswahl als Zumutung

Mit Demokratie hat das System, das Präsident Hamid Karzai in Afghanistan aufgebaut hat, wenig zu tun. Korruption und Drogenwirtschaft heissen die Begriffe, mit denen es in Kabul und nach dessen Vorbild in allen Provinzen des Landes zu umschreiben ist.

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Mit Demokratie hat das System, das Präsident Hamid Karzai in Afghanistan aufgebaut hat, wenig zu tun. Korruption und Drogenwirtschaft heissen die Begriffe, mit denen es in Kabul und nach dessen Vorbild in allen Provinzen des Landes zu umschreiben ist.

Seit Karzai 2001 von den USA aus dem Exil in seine Heimat zurückgebracht wurde, um dort Präsident zu werden, hat er wenig mehr zu bieten als seine Herkunft. Als Paschtune gehört er zu jener Volksgruppe, die seit jeher die Herrscher in Kabul stellt.

Doch was Königen und Diktatoren zur Macht gereichte, genügt nicht, um sich ihrer als Demokrat zu versichern.

Karzai ist deshalb auf machtsichernde Bündnisse angewiesen. Er hat als schlimmste Figur einer ganzen Kamarilla aus Drogenbaronen und Kriegsfürsten den Usbeken-General und Kriegsverbrecher Rashid Dostum aus dem Exil zurückgeholt – in das er ihn auf Druck der westlichen Schutzmächte erst kürzlich geschickt hatte.

So weit, so normal für einen korrupten Staat, den der Westen aufrechterhält, weil er die «Alternative» Taliban fürchtet. Doch das politische Elend Afghanistans hat längst auch den einzigen ernstzunehmenden Gegenkandidaten Karzais ereilt. Dem ehemaligen Aussenminister Abdullah Abdullah mag es gelingen, einen zweiten Wahlgang zu erzwingen. Doch dafür hat sich Abdullah – dem Vorbild Karzais folgend – mit dem tadschikischen Kriegsfürsten Mohammed Atta verbündet, einem Erzfeind Dostums.

Erinnert man sich an Abdullahs Warnung, er werde gegen allfälligen Wahlbetrug Widerstand leisten, bekommen Dostum und Atta erst recht ein ungutes Gewicht. Man mag die niedrige Wahlbeteiligung der Taliban-Gewalt zuschreiben. Doch angesichts der Auswahl, die Afghanistans Wahlvolk zugemutet wurde, ist sie mit Sicherheit nicht der einzige Grund dafür. Walter Brehm

w.brehm@tagblatt.ch