Eine Atommacht in regionalen Konflikten

Der kritische russische Militärexperte Alexander Golts über Konzept und Strategie der russischen Streitkräfte. Russlands Militärdoktrin basiert heute auf zwei Säulen: Atomare Abschreckung potenzieller internationaler Gegner und schnelle Eingreiftruppen für regionale Konflikte im postsowjetischen Raum.

Alexander Golts/Übersetzt von Klaus-Helge Donath
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MOSKAU. Der Konflikt um die Krim und die Ukraine zwingen dazu, über die militärischen Möglichkeiten der russischen Streitkräfte nachzudenken.

Der Krieg gegen Georgien vor fünf Jahren hat Moskau gezeigt, dass die russische Armee altmodisch und ineffektiv war. Die Führung des Landes hat dies erkannt und schmerzhafte Reformen in Gang gesetzt. Im Zuge dieser Reformen wurden Zehntausende Offiziere entlassen und Hunderte «nicht kampfbereite» Truppenteile aufgelöst.

Kein Massenheer mehr

Das eigentliche Ergebnis der Reformen war aber der Verzicht auf die seit 150 Jahren geltende Verteidigungsstrategie mit Massenheer, das einige Millionen Reservisten unter Waffen hat. Wegen der demographischen Entwicklung und der Revolution im Militärwesen macht es keinen Sinn mehr, daran festzuhalten. Jährlich standen nur noch etwa 600 000 Jugendliche im wehrfähigen Alter von 18 Jahren für die Rekrutierung zur Verfügung.

Studenten ans Gewehr

Verteidigungsminister Sergej Schoigu stellte die obligatorische Rekrutierung in die Streitkräfte faktisch ein. Gleichzeitig stellte Präsident Putin den Minister jedoch vor eine fast unerfüllbare Aufgabe: Anfang nächsten Jahres soll die Stärke der Streitkräfte wieder eine Million Mann betragen.

Schoigu schlug deshalb vor, Studenten während des Studiums Militärdienst «durchlaufen» zu lassen. Während zwei oder drei Jahren erhalten sie einmal wöchentlich theoretischen Unterricht und absolvieren im Sommer vor dem Studienabschluss einen dreimonatigen Dienst in den Streitkräften. Danach werden sie als Reservisten geführt. Das erlaubt zumindest auf dem Papier, die Millionenarmee aufrechtzuerhalten. Tatsächlich wird die Zahl der Wehrdienstleistenden 800 000 kaum übersteigen.

Zu wenig Kräfte für Invasionen

Das schliesst jedoch breit angelegte Operationen am Boden wohl genauso aus wie die Besetzung anderer Länder. Auf dem ganzen Gebiet Russlands sind heute nur 46 Brigaden stationiert. Dieser Umstand dürfte es dem Kreml nicht erlauben, in den östlichen Teilen der Ukraine das gleiche Szenario wie auf der Krim zu entfalten. Eine Operation in der Ostukraine würde weitaus mehr Einheiten binden, als etwa auf der Halbinsel Krim im Einsatz sind. Kurzum: Wenn die russischen Machthaber ernsthaft eine kriegerische Konfrontation mit der Nato in Kauf nähmen, hätten sie es nie riskiert, auf ein Massenheer zu verzichten

Atomare Aufrüstung

Die Militärdoktrin Russlands ruht heute auf zwei Säulen. Potenzielle Gegner werden von Atomwaffen in Schach gehalten. Für den Unterhalt dieser Waffen werden nach unterschiedlichen Angaben ein Viertel bis ein Drittel des gesamten Verteidigungshaushalts aufgewendet. Moskau verfügt heute über 489 nukleare Trägersysteme und 1700 atomare Sprengköpfe – fast zweimal weniger als Washingtons Arsenal. Aber es ist mehr als genug, um jeden Staat – auch die USA oder China – abzuschrecken

Moskau ist sich der relativen Schwäche seiner konventionellen Streitkräfte bewusst und will daher nicht nur am atomaren nuklearen Potenzial festhalten, sondern es noch ausbauen. Moderne Raketen vom Typ «Jars» und «Topol-M» sind schon stationiert worden, zwei neue Unterwasser-Raketenträger sind der Marine ebenfalls schon übergeben worden, sechs sollen noch folgen. Auch der Bau einer neuen «schweren» Rakete ist in Arbeit.

Schnelle Eingreiftruppen

Die Atomwaffen können jedoch nicht in regionalen Krisenherden eingesetzt werden. Doch im Kreml wächst das Verlangen, sich im postsowjetischen Raum einzumischen. Deshalb werden nun schnelle Eingreiftruppen aus Fallschirmjägern, Marineinfanterie sowie Einheiten zur Unterstützung von Luftwaffe und Marine aufgebaut. Diese Kräfte sollen sich aus Freiwilligen zusammensetzen. In ihnen dient schon ein Grossteil der bisher 50 000 Berufssoldaten, die jährlich verpflichtet werden. Angestrebt werden 60 000 Soldaten.