«Eine Art moderne Sklaverei»

In Qatar, dem Austragungsort der Fussball-WM 2022, werden französische Geschäftsleute und Sportler auf erpresserische Weise festgehalten. Die Regierung in Paris schaut peinlich betreten weg.

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Qatar putzt sich heraus: Vor allem die Hauptstadt Doha mit der eindrücklichen Skyline gibt sich gerne modern und weltoffen. (Bild: ap/Norbert Millauer)

Qatar putzt sich heraus: Vor allem die Hauptstadt Doha mit der eindrücklichen Skyline gibt sich gerne modern und weltoffen. (Bild: ap/Norbert Millauer)

Qatar gibt sich gerne modern und weltoffen. Das Scheichtum am Persischen Golf hat mit Al Jazira einen globalen Fernsehsender aufgebaut, mit der Fussball-WM 2022 ein weltumspannendes Sportereignis ergattert. Sein Staatsfonds besitzt milliardenschwere Anteile an europäischen Firmen und Immobilien. Besonders eng sind die Bande mit Frankreich. In Paris haben die Gasscheichs soeben das legendäre Kaufhaus Le Printemps erstanden; zuvor hatten sie schon den lokalen Fussballclub Paris Saint Germain mit Stars wie David Beckham oder Zlatan Ibrahimovic aufgemöbelt.

Kein Wunder, versuchen viele Franzosen ihr Glück in dem Boom-Emirat. Einzelne erleben allerdings eher einen Albtraum und sehen sich grundlos ihrer Freiheit beraubt. Wie Scheherazade, die Erzählerin aus Tausendundeiner Nacht, sehen sie sich monate-, gar jahrelang in der Gewalt des Wesirs – nur dass dieser heute «Sponsor» genannt wird. Bezeichnend ist der Fall von Jean-Pierre Marongiu. Der 53jährige Unternehmer gründete in der Hauptstadt Doha eine Firma für die Ausbildung von Managern. Wie vom lokalen Kafala-Gebot vorgeschrieben, tat er sich dazu mit einem lokalen Partner zusammen. Das Geschäft florierte – so sehr, dass es der katarische «Sponsor» 2009 ganz übernehmen wollte. Marongiu lehnte ab. Es kam zum Zwist. Plötzlich verlor die Firma sämtliche Kunden und Aufträge. Marongiu wollte in Paris Rat suchen, erhielt von Qatar aber kein Ausreisevisum. Denn dazu müsste der Sponsor seine Zustimmung geben – und die blieb aus.

Staranwalt schaltet sich ein

Marongiu sass fest, während sein Geschäft einbrach. Eines Nachts versuchte er zu fliehen. Bis nach Bahrain waren es nur fünf Kilometer Wasserlinie. Der Franzose ruderte mit einem Kajak los. Im Wellengang zerschellte das Boot, doch ein Fischerboot nahm den Halbverdursteten auf und brachte ihn nach Bahrain. Marongiu wähnte sich in Freiheit. Doch schon wurde er nach Qatar zurückgeschickt. Die französische Botschaft hatte sich seltsamerweise stumm gestellt.

In Doha versucht Marongiu nun seit zwei Jahren auf dem Rechtsweg, wenigstens seine Ausreise zu erwirken. Andere Franzosen sind in der gleichen Situation – darunter ein Unternehmenschef, ein Sporttrainer und ein Fussballprofi. All diese Opfer des Kafala-Prinzips fühlen sich hereingelegt und erpresst: Das «Exit visa» wird ihnen nur gewährt, wenn sie auf all ihre Ansprüche verzichten. Die vier Franzosen haben nun Anwalt Franck Berton angeheuert, der schon die in Mexiko wegen Geiselnahme verurteilte Französin Florence Cassez nach Hause geholt hatte. Berton klagt nicht nur gegen Qatar, sondern auch gegen Frankreich, dessen Botschafter in Doha bisher nicht den kleinen Finger für seine Landsleute gerührt hat. «Das ist eine Art moderner Sklaverei», sagt er.

Als der Präsident François Hollande im Juni Doha besuchte, gelang es zwei der festgehaltenen Franzosen, kurz mit ihm zu sprechen. Der überrumpelte Staatschef versprach sich um sie zu kümmern. Geschehen ist nichts. Warum, lässt sich nur vermuten. Frankreich ist der wichtigste Waffenlieferant Qatars. Doha will 72 Rafale-Kampfjets kaufen. Fünf Milliarden Euro stehen auf dem Spiel, dazu die Zukunft des ganzen französischen Prestigeprojektes.

Viel Geld für die Banlieues

Schon Ex-Präsident Nicolas Sarkozy hatte mit der Herrscherfamilie Al Thani eine enge diplomatische und militärische Kooperation vereinbart. Katarische Investoren zahlen seither in Frankreich. Qatar investiert zudem viel Geld in die Banlieue-Viertel. Es fliesst meist in islamische oder genauer wahhabitische Kreise. Bei ihrem Militäreinsatz in Mali fanden französische Soldaten überdies Waffen, die Doha finanziert haben soll. Kritik daran ist in Paris kaum hörbar. Das würde nur die Chancen des Rafale schmälern.

Stefan Brändle, Paris