Ein unerbittlicher Kulturkämpfer

Mike Pence verkörpert die Antithese zu Donald Trump. Die Berufung des 57jährigen Pence zum Vizepräsidentschaftskandidaten soll helfen, die konservative Basis zu konsolidieren. Was Pence mit Trump gemeinsam hat: Ihn interessiert wenig, was andere über ihn denken.

Thomas Spang
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Mike Pence, ein Politiker, der tut, was er für richtig hält. (Bild: ap/Darron Cummings)

Mike Pence, ein Politiker, der tut, was er für richtig hält. (Bild: ap/Darron Cummings)

NEW YORK. Pence steht nicht im Ruf, ein sicheres Händchen für das richtige politische Timing zu haben. Vergangenen Dienstag strafte er seine Kritiker Lügen. Sein Gast Donald Trump konnte den Bundesstaat Indiana im Herzen Amerikas nicht verlassen, weil sein Flugzeug wegen mechanischer Probleme gewartet werden musste. Der konservative Gouverneur nutzte die Gunst der Stunde und profilierte sich als grosszügiger Gastgeber. Erst lud er Trump, den Spitzenkandidaten der Republikaner, zum Dinner in Indianapolis ein, am Morgen danach beharrte Pence auf einem gemeinsamen Familienfrühstück in der Gouverneursvilla. Die Gastfreundschaft machte Eindruck. Der gestrandete Trump bestellte kurzfristig seine drei ältesten Kinder zum Tête-à-tête mit den Pences.

«Milder Mike» imponiert Trump

Beim Abendessen hielt Gouverneur Pence einen flammenden Monolog, in dem er darlegte, warum er Bill und Hillary Clinton verachtet. Trump, der seine demokratische Gegenspielerin als «unehrliche Hillary» («crooked Hillary») bezeichnet, war beeindruckt. Der «milde Mike» teilte seine Abneigung gegen die frühere Aussenministerin und First Lady aus ganzem Herzen. Später griff Trump zum Telefonhörer. «Du bist mein Mann», verkündete der Spitzenkandidat der Republikaner seinen Entscheid für Pence, der sich gegen Chris Christie und Newt Gingrich durchgesetzt hatte.

Ein bizarrer Abschluss

Eine rundum erstaunliche Wahl, die Analysten nur mit politischem Kalkül erklären können. Denn weder persönlich noch inhaltlich haben die beiden Männer viel gemein. Trump ist ein Poltergeist, der flucht und Wörter gebraucht, die ausgeblendet werden müssen. Pence spricht mit sanfter Stimme sorgfältig abgewogene Worte. Trump lebt im Herzen der Weltmetropole New York, Pence personifiziert das ländliche Amerika. Während der Spitzenkandidat sich an keine Konventionen hält, gibt es kaum einen konventionelleren Politiker als den spreng gescheitelten Konservativen Pence.

Was auch immer Trump jenseits eiskalten politischen Kalküls bewegt haben mag, bleibt sein Geheimnis. Bei der Präsentation seines Running Mates in einem Ballsaal von New York wirkten die beiden mehr wie eine Notgemeinschaft als ein energetisches Team. Der «Ich-Kandidat» sprach erst einmal zehn Minuten über sich selber, ehe ihm einfiel, den Mann vorzustellen, um den es eigentlich gehen sollte. Doch bevor dieser hinter dem Vorhang hervortreten durfte, vergingen weitere 18 Minuten, während derer Trump nur gelegentlich Bezug auf seinen Vizepräsidentschaftskandidaten nahm.

Ein bizarrer Abschluss einer nicht minder ungewöhnlichen Kandidatensuche, bei der am Ende zwei abgehalfterte Ex-Grössen und Pence übrigblieben. Letzter vertrat sowohl im Irak-Krieg als auch in der Handelspolitik entgegengesetzte Position zu Trump und galt deshalb einigen Analysten als nicht kompatibel.

Wiedergeborener Christ

Für den Gouverneur spricht aber dessen Verankerung in der christlichen Rechten, die rund einen Drittel der republikanischen Wählerschaft ausmacht. Seit der in einer katholischen Familie aufgewachsene Pence als Student zu Jesus fand, versteht er sich als wiedergeborener Christ.

Im Kongress machte er sich einen Namen als unerbittlicher Kulturkämpfer, der gegen Abtreibung, Homo-Ehe und Stammzellenforschung zu Felde zog. Seine starken Überzeugungen motivierten Pence, mehr als 90 Gesetzesvorlagen einzubringen. Die geringe Fähigkeit, Kompromisse zu finden und Koalitionen zu schmieden, liessen aber keine einzige Vorlage von Erfolg gekrönt werden.

In Indiana fällt die Bilanz des Gouverneurs gemischter aus. Er schuf Arbeitsplätze und kurbelte die Wirtschaft mit Steuerkürzungen an. Dann riskierte er den Erfolg mit einem sogenannten Gesetz zur Religionsfreiheit, in dem viele nicht mehr sahen als eine Einladung zur ganz legalen Diskriminierung sexueller Minderheiten. Nach massiven Protesten einflussreicher Unternehmensführer und offener Boykottdrohungen musste Pence im vergangenen Jahr klein beigeben.

Helfer im eigenen Lager

Was Pence mit Trump gemeinsam hat: Ihn interessiert wenig, was andere über ihn denken, sondern er tut, was er für richtig hält. Dass er sich nach seiner Berufung durch den Rechtspopulisten ausdrücklich für die Mauer an der Grenze zu Mexiko und den Moslem-Bann stark macht, dürfte deshalb mehr als Opportunismus sein: Auch Pence denkt so. Der Sohn eines Tankstellenbesitzers teilt auch den Glauben Trumps, dass früher alles irgendwie besser war. So sehen es auch viele in der christlichen Rechten, die aber Probleme haben mit der charakterlichen Eignung des aufbrausenden Spitzenkandidaten, dessen Lebenswandel und offenen Rassismus. Pence kann Trump im eigenen Lager eher helfen als einer der beiden anderen Bewerber. Seine Aufgabe besteht bis November darin, diese wichtige Wählergruppe zu umwerben.