Ein überraschender Besuch

Zum Abschluss der Kampagne für die italienischen Regionalwahlen hat Silvio Berlusconi aus Versehen die falsche Wahlveranstaltung besucht und für einen linken Kandidaten geworben.

Dominik Straub
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Silvio Berlusconi lacht während eines Fernsehauftritts – später dürfte es ihm im Ort Segrate vergangen sein. (Bild: epa/Giorgio Onorati)

Silvio Berlusconi lacht während eines Fernsehauftritts – später dürfte es ihm im Ort Segrate vergangen sein. (Bild: epa/Giorgio Onorati)

ROM. Segrate, letzten Freitag, 23 Uhr: Auf der zentralen Piazza des Mailänder Vororts ist das Wahlfest für den Bürgermeister-Kandidaten Paolo Micheli im Gange. Auf der Bühne spielt eine Band, es hat Verpflegungsstände, es wird getanzt. Plötzlich erscheinen drei dunkle Limousinen; ihnen entsteigen Silvio Berlusconi und seine Entourage. Der 78jährige Ex-Premier mischt sich unter das Volk, es werden Selfies gemacht, die Aufregung ist gross. Dann erkundigt sich Berlusconi nach dem Namen des Kandidaten. «Paolo», rufen die Anwesenden. «Dann nehmt euch am Sonntag eine Stunde Zeit, um Paolo zu wählen», ermuntert Berlusconi die Leute.

Es ist ein Irrtum

Dumm nur, dass der Ex-Premier im falschen Film respektive auf dem falschen Fest gelandet war: Paolo Micheli ist der Kandidat der Linken. Eigentlich wollte Berlusconi als Überraschungsgast bei der Wahlveranstaltung seiner Forza Italia auftreten – aber die fand 400 Meter vom Kommunistenfest entfernt statt. Es habe mindestens fünf Minuten gedauert, bis Berlusconi seinen Irrtum bemerkt habe, berichtete Micheli belustigt. Zum Anlass der eigenen Partei fuhr der verdatterte Ex-Premier nicht mehr – er ging nach Hause. Zum Verhängnis ist Berlusconi unter anderem geworden, dass am linken Parteifest keine Fahnen des Partito Democratico (PD) zu sehen waren.

Nur in Nuancen

Der ehemalige Cavaliere kann sich damit trösten, dass es ohnehin keine so grosse Rolle mehr spielt, welche politische Couleur die Kandidaten haben: Das Programm von PD-Partei- und Regierungschef Matteo Renzi unterscheidet sich, wenn überhaupt, nur in Nuancen von jenem der Forza Italia, und unter Renzi tritt neuerdings auch die Linke mit vorbestraften Spitzenkandidaten an, wie das Beispiel des wegen Amtsmissbrauchs verurteilten PD-Kandidaten Vincenzo De Luca für das Regionalpräsidium in Kampanien zeigt.

Die Episode mit der unfreiwilligen Wahlhilfe für den falschen Kandidaten belegt, wie sehr der einst «beste Ministerpräsident der letzten 150 Jahre» (Berlusconi über Berlusconi) inzwischen neben den Schuhen steht. Die von ihm gegründete Partei ist im Zustand der Auflösung, im Wahlkampf wirkte er fahrig: An einem Tag verkündete der Ex-Premier, dass er «längst ausserhalb der Politik» stehe – um sich dann als einzigen rechtmässigen Führer des italienischen Mitte-Rechts-Lagers zu bezeichnen. Für Berlusconi steht bei den Wahlen einiges auf dem Spiel: Sollte seine Forza Italia unter die Grenze von 10 Prozent fallen und von der Lega Nord von Matteo Salvini überflügelt werden, dann wäre dies das Ende. Der fremdenfeindliche Hassprediger und Le-Pen-Bewunderer Salvini hat angekündigt, dass er sich in diesem Fall als neuen Führer der italienischen Rechten betrachten würde – und er wäre es wohl auch. Silvio Berlusconi hätte sich mit einem tragikomischen Auftritt am falschen Parteifest aus der Politik verabschiedet.

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