Ein tief gespaltenes Land

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Wahlausgang Weltweit war das Ergebnis der Frankreich-Wahl mit Freude aufgenommen worden. In Paris bewirkte es gestern allerdings eine gewisse Sorge. Erste Analysen zeugen von einem gespaltenen Land: Macron (66,1 Prozent) obsiegte im Westen und im Zentrum des Landes sowie in Grossstädten wie Paris, wo er über 90 Prozent der Stimmen erhielt. Seine unterlegene Gegnerin Ma­rine Le Pen (33,9 Prozent) gewann nur zwei von hundert Departementen, eines in der Picardie und eines in Nordfrankreich. Das Bedenkliche: Hohe Stimmenzahlen erhielt sie durchs Band in Gegenden mit hoher Arbeitslosigkeit und tieferen Einkommen. Ihre Wähler haben zu 45 Prozent keinen Schulabschluss. Kurz gesagt: Für Le Pen hatte das ärmere, schwächere Frankreich gestimmt.

Macron gelobte noch am Wahlabend, er habe «die Wut, die Angst und die Not» gehört. Um den Graben durch das Land zuschütten zu können, brauche er aber eine «echte und starke» Unterstützung des Volkes. Sie ist weniger stark, als es scheint. Die Stimmenthaltung betrug über 25 Prozent, dazu gab es 11,5 Prozent leere oder ungültige Stimmen – doppelt so viele wie jemals in der Fünften Republik.

Proteste gegen geplante Arbeitsmarktreformen

Umgemünzt auf die Parlamentswahlen von Juni heisst das, dass Macron nicht sicher sein kann, eine Regierungsmehrheit zu erhalten. Laut einer ersten Umfrage des Instituts Opinionway kommt seine Bewegung «En Marche!» mit etwa 260 bis 270 Sitzen nur in die Nähe der absoluten Mehrheit von 289 Stimmen. Allerdings müssten auch die Konservativen mit 200 Sitzen vorliebnehmen – und damit ihre Hoffnung begraben, Macron zu einer «cohabitation» zu zwingen. Die Sozialisten kämen gar nur auf knapp 40 Deputierte, der Front National auf rund 20. Mélenchons Linksfront könnte wegen des Mehrheitswahlrechts nur mit deren 7 rechnen.

Solche Prognosen sind indessen völlig unwägbar. Noch ist unklar, wie viele konservative Kandidaten zu «En Marche!» überlaufen werden. Macron ködert sie mit dem Hinweis, sie könnten in der Partei der Republikaner bleiben und unter dem Label einer «präsidentiellen Mehrheit» antreten. Offen ist auch, wie sich der rechte Flügel der Sozialisten um Ex-Premier Manuel Valls verhalten wird.

An der sozialen Front weht Macron bereits ein rauer Wind ins Gesicht. Am Montag versammelten sich auf der Pariser Place de la République bereits mehrere tausend Vertreter der Gewerkschaften CGT, Sud und Unef. Sie protestierten vorbeugend gegen die geplante Reform des Arbeitsrechts. (sbp)

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