«Ein Symbol des Hasses»

Der Massenmörder von Charleston posierte mit der Südstaatenflagge, bevor er neun Kirchgänger tötete. South Carolina setzte die Fahne vor dem Regierungsgebäude nicht einmal auf Halbmast.

Thomas Spang
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COLUMBIA. Doug Brannon empfindet tiefe Scham. «Ein Freund von mir musste sterben, bloss weil er schwarz war», sagt der Senator des Bundesstaats South Carolina. Er war mit Clementa Pinckney befreundet, dem ermordeten Prediger der Emanuel- AME-Kirche in Charleston und Kollegen im Parlament. Er sei zu feige gewesen, zu sagen, dass «diese Flagge nicht nur ein Symbol des Hasses» sei, sondern auch des Stolzes darüber. Der Rechtsanwalt aus Spartanburg will nun ein Gesetz einbringen, das die Schlachtflagge der Konföderierten, also der Südstaatler im Bürgerkrieg, ein für alle Mal einholt und ins Museum schickt.

Als «historisches Erbe» verklärt

Der republikanische Senator weiss, was er damit riskiert: das Ende seiner politischen Karriere in dem Südstaat, der als einziger das als «historisches Erbe» verklärte Symbol der Sklaverei öffentlich zeigt. Nicht mehr auf dem Regierungsgebäude wie noch bis Ende der 90er-Jahre, aber prominent davor an einem Denkmal für die konföderierten Opfer des Bürgerkrieges.

Im November veröffentlichte «The State», die Zeitung der Hauptstadt, eine Umfrage, nach der fast zwei von drei Bürgern South Carolinas erklärten, dies solle so bleiben. Deswegen ist Brannon bisher der einzige Republikaner aus dem Südstaat, der öffentlich sagt, was andere vielleicht denken. «Wer an diesem Thema rührt, ist politisch in der Regel erledigt», bestätigt der Politologe Scott Buchanan.

Auch Jeb Bush drückt sich

Die Fahne repräsentiere «einen Teil dessen, was wir sind», sagt einer der beiden US-Senatoren des Bundesstaats, Lindsey Graham. Nicht ohne Berechnung. Schliesslich finden hier im Februar die ersten Vorwahlen der Republikaner im Süden für die Präsidentschaft statt. Und Graham möchte diese gewinnen. Das gleiche Kalkül stellen seine Mitbewerber auf. Jeb Bush lehnt es ab, klar Position zu beziehen, sondern meint nur, er sei zuversichtlich, die Bürger South Carolinas würden «das Richtige tun». Diese Formel bemühten mit ähnlichen Worten alle Kandidaten der Konservativen.

Die republikanische Gouverneurin des Bundesstaates, Nikki Haley, versteckt sich hinter dem Parlament. Jetzt sei es erst einmal an der Zeit, die durch das Massaker aufgerissenen Wunden zu heilen. «Für politische Diskussionen gibt es später noch Zeit genug.»

Die Hoffnungen auf Wandel ruhen auf religiösen Führern wie Russel Moore von den konservativen Southern Baptist, die früher die Politik der Rassentrennung theologisch untermauert hatten. «Diese Art von Symbolik hat nichts mit der Gerechtigkeit zu tun, für die Jesus Christus steht», erklärt der Führer der weissen Baptistenkirchen, die schon vor Jahren Rassismus als Sünde gebrandmarkt haben.

Obama sagt das «N-Wort»

Präsident Obama hat gestern mit dem Tabuwort «Nigger» in die Rassismusdebatte eingegriffen. «Wir sind vom Rassismus nicht geheilt», sagte Obama in einem Interview mit dem Internetradio WTF. «Und es geht nicht nur darum, dass es unhöflich ist, in der Öffentlichkeit Nigger zu sagen.» Das Erbe von Sklaverei und Diskriminierung werfe einen «langen Schatten» und sei «noch immer Teil unserer DNA», sagte Obama.