Ein schwieriger Tod in China

Wie Gerüchte über das Ableben Jiang Zemins, des ehemaligen Staats- und Parteichefs in China plötzlich ganze Flüsse zum verschwinden bringen.

Bernhard Bartsch
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Jiang Zemin (Bild: ap)

Jiang Zemin (Bild: ap)

Peking. Gestern gab es in China plötzlich keine Flüsse mehr. Suchanfragen nach dem Yangtse oder Chinas Mutterstrom, dem Gelben Fluss, führten im chinesischen Internet in den vergangenen zwei Tagen zu Fehlermeldungen: «Aufgrund gesetzlicher Bestimmungen können die Ergebnisse nicht angezeigt werden.»

Angst vor Machtverschiebungen

Die staatlichen Zensoren hatten sie verschwinden lassen, um Gerüchte über den Tod des ehemaligen Staats- und Parteichefs Jiang Zemin zu stoppen, dessen Nachname übersetzt Fluss bedeutet. Offenbar wird das Ableben des 84-Jährigen in Peking als Politikum ersten Grades gesehen, dass Machtverschiebungen innerhalb der Parteispitze zur Folge haben könnte.

Mutmassungen über Jiangs Gesundheitszustand waren aufgekommen, als der Altpräsident am 1. Juli beim Festakt zum 90. Geburtstag der Kommunistischen Partei fehlte. Dabei gilt Jiang, der die Partei von 1989 bis 2002 führte, in Pekings offizieller Geschichtsschreibung nach Mao Tse-tung und Deng Xiaoping als dritter grosser Staatslenker der Volksrepublik. Da seine Abwesenheit kaum einen anderen Grund als gesundheitliche Probleme haben kann, wurde im chinesischen Internet umgehend darüber spekuliert, wie ernst es um Jiang steht. Berichte über einen Andrang grosser Staatskarossen vor dem Pekinger Spital 301, in dem sich Chinas höchste Führung behandeln lässt, wurden als Anzeichen dafür interpretiert, dass die Parteispitze sich an Jiangs Sterbebett versammle.

Der Hongkonger Fernsehsender ATV rang sich am Mittwochabend schliesslich zu einer Exklusivmeldung durch und erklärte Jiang für tot. Eine Nachrichten-Webseite aus der Provinz Shandong zeigte ein Trauerbanner und feierte Jiang als «Unsterblichen». Das Portal wurde umgehend vom Netz genommen.

Totgesagte leben länger

Gestern meldete die offizielle Nachrichtenagentur Xinhua, die Berichte über Jiangs Tod seien «reine Spekulation», ohne jedoch mehr über seinen Gesundheitszustand zu verraten. Dabei heisst es in Parteikreisen, dass Jiangs Tod seinem Nachfolger Hu Jintao sehr gelegen käme. Die beiden Granden gelten als erbitterte Widersacher und sollen sich im Kampf über die Zusammensetzung der nächsten Führungsmannschaft befinden, die 2012 die Macht übernehmen soll.