Ein Preis für notwendiges Handwerk

Der Friedensnobelpreis ist in den vergangenen Jahren oft kritisiert worden. Dem Komitee ging es eher um die Unterstützung bestimmter politischer Anliegen, als um erbrachte Leistungen. Der diesjährige Preis ist der Versuch einer Korrektur.

Walter Brehm
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Der Friedensnobelpreis ist in den vergangenen Jahren oft kritisiert worden. Dem Komitee ging es eher um die Unterstützung bestimmter politischer Anliegen, als um erbrachte Leistungen. Der diesjährige Preis ist der Versuch einer Korrektur.

Der Friedenspreis Nobels gilt als höchste moralische Auszeichnung. Den idealen Träger für den Friedensnobelpreis gibt es nicht.

Kein Preis für ein Heldenepos, aber eine Ehrung für ein gefährliches Handwerk. Kein glanzvoller Name, eine sperrige Abkürzung für den nicht minder sperrigen Namen einer Organisation, die bis vor wenigen Wochen nur Experten bekannt war: OPCW, Organisation für das Verbot von Chemiewaffen, die diesjährige Trägerin des Friedensnobelpreises.

Vielschichtig Entscheidung

Es ist eine vielschichtige Entscheidung, die das norwegische Nobelkomitee gefällt hat. Der OPCW gehören bis dato 189 Staaten an, welche die Chemiewaffenkonvention aus dem Jahr 1997 ratifiziert haben. Am Montag soll Syrien deren 190. Mitglied werden. Kontrolleure der OPCW sind derzeit in Syrien unterwegs, um mit Billigung des Regimes dessen Chemiewaffen, die dazugehörenden Fabriken und Lager zu zerstören. Polemisch liesse sich fragen: Ist also das Regime des Bashar al-Assad quasi Mitträger des Friedensnobelpreises?

Russland und die USA, die das Programm zur Zerstörung der syrischen C-Waffen ausgehandelt haben, sind natürlich Mitglied der OPCW. Aber beide Staaten haben entgegen aller Abmachungen längst nicht ihr ganzes Arsenal an chemischen Kampfstoffen vernichtet. Die Preisvergabe ist also auch Kritik und Mahnung des Nobelkomitees an Moskau und Washington.

Der Friedensnobelpreis gilt noch immer als höchste moralische Auszeichnung der menschlichen Zivilisation. Grosse Namen aus der Liste der 124 Preisträger seit 1901 bezeugen es: Henry Dunant, Albert Schweitzer, Martin Luther-King oder Nelson Mandela. Doch einige Preisentscheidungen der vergangen Jahre haben den Wert der Nobel-Medaille sinken lassen.

Der Hoffnungsträger Barack Obama – Preisträger 2009 – ist heute der oberste Drohnen-Krieger. Die Europäische Union, im vergangen Jahr für ihre friedenstiftende Einigung Europas ausgezeichnet, baut – ungeachtet humanitärer Katastrophen, wie jener in Lampedusa – verbissener denn je an der Festung Europa. Ist also die Preisvergabe an die OPCW ein Sicherheitsentscheid, der jede Kritik verstummen lassen soll?

Faktum ist: Chemiewaffen sind eine der greulichsten Auswüchse einer industriellen Zivilisation, als der Krieg einst als Mutter aller Dinge galt. Der OPCW ist es seit 1997 gelungen, weltweit 80 Prozent dieser Massenvernichtungswaffen zu vernichten.

Auch das ist eine Heldengeschichte. Allerdings eine über Hunderte stille Helden, die für die Sicherheit von Menschen zu grossen Risiken bereit sind – ob in aktuellen oder bereits befriedeten Krisengebieten und in sterilen Hochsicherheitslabors.

Nobels Vorgaben

Und doch lohnt ein Blick auf die Vorgaben des Preisstifters Albert Nobel: «Ausgezeichnet soll derjenige werden, der am besten auf die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verminderung stehender Heere sowie die Abhaltung von Friedenskonferenzen hingewirkt hat.» So gesehen ist allerdings auch die diesjährige Ehrung fragwürdig. Stehende Heere baut die Vernichtung von C-Waffen nicht ab. Auch im Falle Syriens bewirkt das Tun der OPCW keinen Truppenabbau – im Gegenteil. Und verhandeln will allenfalls das Regime, um sein Überleben zu sichern.

Unerreichbares, stetiges Ziel

Zeit, sich von Illusionen zu verabschieden. Den idealen Friedensnobelpreisträger gibt es nicht. Für die diesjährige Ehrung muss genügen, dass die Arbeit der OPCW möglicherweise «nur» Schlimmeres verhütet, als in einer Krisenregion ohnehin geschieht: ein zweites Halabja zum Beispiel. In jener kurdischen Stadt in Nordirak hatte Saddam Husseins Luftwaffe am 16. März 1988 mit einem einzigen Giftgasangriff über 5000 Menschen getötet.

Als die burmesische Politikerin Aung San Suu Kyi nach 15 Jahren Hausarrest ihren Friedensnobelpreis mit 21 Jahren Verspätung endlich entgegennehmen konnte, sagte sie: «Absoluter Friede ist unerreichbar und muss doch immer das Ziel bleiben.»

walter.brehm@tagblatt.ch