Ein neuer Karikaturen-Streit

Nach der Veröffentlichung neuer Mohammed-Karikaturen in einem französischen Satireblatt schliesst Frankreich vorsorglich Botschaften und Schulen im arabischen Raum.

Stefan Brändle
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Zeichnet Mohammed-Karikaturen: Stéphane Charbonnier von «Charlie Hebdo». (Bild: eq images/Gwendoline Le Goff)

Zeichnet Mohammed-Karikaturen: Stéphane Charbonnier von «Charlie Hebdo». (Bild: eq images/Gwendoline Le Goff)

PARIS. Zuerst der Anti-Islam-Film, jetzt Mohammed-Karikaturen. Das französische Satireblatt «Charlie Hebdo» publiziert in seiner neusten Ausgabe wie schon 2006 Zeichnungen des islamischen Propheten, die unter Moslems Entrüstung auslösten. Verantwortlich für die Publikation ist der 45jährige Stéphane Charbonnier, Chefredaktor des frechen Wochenmagazins und Zeichner in diversen linken Blättern. Auf der Titelseite von «Charlie Hebdo» malt er Mohammed im Rollstuhl, den ein orthodoxer Jude schiebt; im Innern trägt der Prophet einen Schweinskopf und fragt den Regisseur des Schmähfilms «Die Unschuld der Moslems», ob er auch damit Sex haben müsse.

«Alles hat seine Grenzen»

Der geschmacklos-schräge, traditionell provokative Humor nach Art von «Charlie Hebdo» sorgte gestern für reissenden Absatz an französischen Kiosken, so dass ein Nachdruck lanciert wird. Aber nicht alle sind amüsiert. Der Rektor der Grossen Moschee in Paris, Dalil Boubakeur, wetterte über die «Eseleien» und warf dem Satireblatt vor, nach ersten Mohammed-Zeichnungen vor sechs Jahren rückfällig geworden zu sein: «Es ist ja bekannt, dass der Mensch das einzige Tier ist, dass zweimal ins gleiche Loch fällt.» Von Medien befragt, äusserten sich alle französischen Moslems empört. «Natürlich braucht es die Meinungsfreiheit», meinte einer. «Aber alles hat seine Grenzen.»

Hacker-Attacken legten gestern die Internetseite von «Charlie Hebdo» lahm. Die Polizei beschützte die Redaktionsräume, die Ende 2011 bereits einmal Opfer eines Brandanschlags geworden waren. «Charb», wie der Chefredaktor seine Karikaturen signiert, trat am Morgen kurz vor die Türe. «Wenn man anfängt sich zu fragen, ob man das Recht habe, Mohammed zu zeichnen, wird die nächste Frage sein, ob man das Recht habe, Moslems zu zeichnen, und dann, ob man noch Menschen zeichnen darf», deklarierte er, während zwei nervöse Leibwächter seinen Rücken deckten. «Am Schluss zeichnet man nichts mehr, und die Handvoll Extremisten in der Welt und in Frankreich hat gewonnen.»

Versuche zur Besänftigung

Die Sprecher der Grossparteien verurteilten die Karikaturen, nachdem sie jene von 2006 teils noch gutgeheissen hatten. Die Rechtsextremistin Marine Le Pen griff sowohl die Karikaturisten als auch die Moslems an, die wegen ein paar «Wirrköpfen» das Land in Feuer und Asche legen wollten.

Diese Angst treibt auch die Regierung um. Premier Ayrault erklärte zwar, die Meinungsäusserungsfreiheit schliesse auch das Recht des Karikierens ein; wer sich betroffen fühle, könne bei der Justiz Klage einreichen. Zugleich bedeute der Laizismus aber auch, dass man «die religiösen Überzeugungen anderer respektiert».

Aussenminister Fabius bedauerte, dass das Blatt «Öl ins Feuer» giesse, und äusserte sich «besorgt» über mögliche Reaktionen in der islamischen Welt. In zwanzig Ländern schliesst Frankreich seine Botschaften, Konsulate, Kulturzentren und Schulen für mehrere Tage oder zumindest am Freitag, dem Tag des islamischen Gebets. Diese Massnahme werde in den nächsten Tagen «der aktuellen Situation angepasst».

In Paris empfing Innenminister Valls elf moslemische Würdenträger. Moschee-Rektor Boubakeur erliess danach einen Appell zur Ruhe. Die gleiche Botschaft soll am Freitag auch in den französischen Moscheen verbreitet werden. Der moslemische Kultusrat verurteilte zwar die «islamophoben» Karikaturen, rief aber auch dazu auf, «sich nicht auf Provokationen einzulassen».

Proteste werden nicht bewilligt

Dahinter ist sanfter Druck der Regierung zu vermuten. Sie befürchtet auch in Frankreich Ausschreitungen, nachdem die Polizei am Samstag eine unbewilligte Demonstration von gut 200 Salafisten vor der Pariser US-Botschaft aufgelöst hatte. Seither zirkulieren Aufrufe für neue Protestkundgebungen in französischen Städten am nächsten Samstag. Premier Ayrault machte gestern klar, dass sie nicht bewilligt würden.