Ein Leben für die Flüchtlinge

Der italienische Diplomat Filippo Grandi soll neuer UNO-Flüchtlingskommissar werden. Der 58-Jährige kümmert sich schon seit dreissig Jahren um Flüchtlinge.

Dominik Straub
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ROM. Seine Feuertaufe im humanitären Einsatz hat Filippo Grandi in Thailand erlebt. Als junger Mitarbeiter der Hilfsorganisation Catholic Relief Service war er Mitte der Achtzigerjahre in ein Feldspital geführt worden, in dem Hunderte kambodschanische Flüchtlinge waren. Kaum war er dort angekommen, sah er einen kleinen, an Malaria verstorbenen Knaben in den Armen der verzweifelt weinenden Mutter. «Meine erste Reaktion war: Diese Arbeit kann ich nicht machen, das halte ich nicht aus», erzählte Grandi unlängst an einer Tagung in Mailand.

«Nur Solidarität zählt»

Aber er hielt durch. «Mit der Zeit lernte ich, dass angesichts des Leids nur eines wirklich zählt: Solidarität, pure Solidarität», sagte Grandi. 1988 wechselte er zum UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR). Dort hat er zunächst im Genfer Hauptquartier als Stabschef der Hochkommissare Ruud Lubbers und Sadako Ogata gearbeitet, dann ging er wieder an die «Front» in Sudan, Irak und Afghanistan, wo er als Missionschef amtierte. Von 2005 an war er beim UNO-Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge (UNRWA) im Einsatz, das er von 2010 bis 2014 leitete.

Grandi übernimmt das UNHCR vom Portugiesen Antonio Guterres in einer Zeit, die dramatischer kaum sein könnte: 65 Millionen Flüchtlinge zählt die UNO-Organisation derzeit weltweit, davon 40 Millionen Binnenflüchtlinge. Nicht einmal im Zweiten Weltkrieg, als sich 50 Millionen Menschen auf der Flucht befanden, wurden derart viele Flüchtlinge gezählt. Und mit den Hunderttausenden Kriegsflüchtlingen aus Syrien, Irak und Afghanistan, die seit einigen Wochen auf der Balkanroute in Richtung Österreich und Deutschland ziehen, ist die Not und das Elend definitiv auch im wohlhabenden Mitteleuropa angekommen.

Anerkennung auch für Italien

Das Hochkommissariat für Flüchtlinge ist einer der wichtigsten Posten, den die UNO zu vergeben hat. Mit seinen 27 Jahren im Dienst des UNHCR dürfte Grandi für das neue Amt gewappnet sein. Dass die Wahl auf ihn fiel, darf auch als Zeichen der Anerkennung für Italien gesehen werden, das seit langem mit einem grossen Zustrom von Flüchtlingen konfrontiert ist, die die Reise über das Mittelmeer wagen. Marine und Küstenwache haben in den letzten Jahren Zehntausende von Flüchtlingen vor dem Ertrinken gerettet; Italien ist für diesen Einsatz vom UNHCR und anderen Hilfswerken mehrfach gelobt worden.

In 125 Ländern tätig

Das UNHCR beschäftigt 9300 Mitarbeiter in 125 Ländern. Es setzt sich auf mannigfache Weise für den Schutz und die Betreuung der Flüchtlinge ein, vorwiegend mit der Einrichtung und dem Betrieb von Flüchtlingslagern. Das UNHCR übernimmt auch Aufgaben eines überforderten Landes: So hat das UNRWA unter Grandi im Gaza-Streifen und im Westjordanland über 130 Schulen mit Tausenden von Lehrern betreut und finanziert.

«Selbst wenn die Verhältnisse extrem schwierig sind und wenig Hoffnung besteht – man kann immer etwas machen, immer etwas ändern», sagt der designierte neue UNO-Flüchtlingskommissar. Grandi muss von der Vollversammlung noch bestätigt werden, was aber als Formalität gilt. Er wird sein Amt am 1. Januar antreten.

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