Ein labiler Waffenstillstand

Bittere Bilanz am ersten Jahrestag des Kriegs im Osten der Ukraine: Über hundert Tote pro Woche wurden seit Beginn der Antiterror-Operation der Regierungstruppen im Donbass gezählt.

Paul Flückiger
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KIEW. Tausende von Toten und Dutzende zerstörte Städte und Dörfer sind die bittere Bilanz des seit einem Jahr dauernden Krieges im Osten der Ukraine, im Donbass. Zwar wird der Mitte Februar in Minsk vereinbarte Waffenstillstand trotz Rückschlägen insgesamt erstaunlich gut eingehalten. Doch das Ziel Kiews, eine Abspaltung der beiden ostukrainischen Verwaltungsbezirke Donezk und Lugansk und deren Anschluss an Russland zu verhindern, ist inzwischen in weite Ferne gerückt.

Vor neuen Offensiven?

Beide Seiten werfen sich stattdessen gegenseitig vor, eine neue Offensive zu planen. Der Donezker Separatistenführer Aleksandr Sachartschenko beschuldigte dieser Tage die ukrainische Armee, einen Angriff auf Donezk zu planen. Die Ukrainer wiederum beobachten mit zunehmender Verunsicherung, wie wieder vermehrt Kriegsmaterial und frische Kämpfer aus Russland über die gemeinsame Grenze in die von den Separatisten kontrollierten Gebiete gebracht werden. Die immer professioneller auftretende separatistische «Armee Neurussslands» soll inzwischen über 50 000 Kämpfer – darunter mindestens 9000 reguläre russische Truppen – mit zum Teil modernstem Kriegsgerät zählen. Diese wollen nach Äusserungen von Separatistenführern nicht einfach das heute kontrollierte Gebiet im Donbass verteidigen, sondern den ganzen Donbass «befreien». Im Süden fehlt ihnen vor allem die strategisch äusserst wichtige Hafenstadt Mariupol, im Norden die einstige Rebellenhochburg Slowjansk mit ihren nahen, grossen Trinkwasser-Reservoiren.

Strittige Opferzahlen

Dennoch bleibt es einstweilen ziemlich ruhig. Gestern wurde der Waffenstillstand laut ukrainischen Militärangaben von den prorussischen Kämpfern nur zehnmal gebrochen. Dabei sollen sechs Soldaten verwundet worden sein. Noch tags zuvor beklagte Kiew sechs und die pro-russischen Separatisten einen Toten. Weit dramatischer sind die Opferzahlen der gesamten sogenannten Antiterror-Operation (ATO) der Kiewer Regierungstruppen gegen die Separatisten. Laut UNO-Angaben sind seit Mitte April 2014 im Donbass 6083 Personen bei Kriegshandlungen getötet und 15 400 verletzt worden. Das Hauptquartier der ATO in Kramatorsk publizierte dieser Tage eigene Zahlen, wonach 1600 getöteten ukrainischen Soldaten 14 600 «Terroristen» gegenüberstehen sollen. Eine unabhängige Prüfung solcher Zahlen ist unmöglich.

Abspaltung verfestigt sich

Klar ist indes ein Jahr nach Beginn des Donbass-Krieges: Das Krim-Szenario konnte bisher nicht vereitelt werden, so wie der damalige Übergangspräsident Oleksandr Turtschinow die ATO begründet hatte. Dagegen scheint wenn nicht ein Anschluss des Donbass an Russland so doch seine Abspaltung von der Ukraine näher zu rücken. Die beiden selbst ernannten «Volksrepubliken» werden von Kiew wirtschaftlich und finanziell isoliert. Dabei wird die Entstehung zweier vollends von Russland abhängiger, von niemandem als Staaten anerkannter Vasallengebiete nach dem Vorbild Transnistriens in Moldawien in Kauf genommen. Schon heute gilt in Donezk und Lugansk Moskauer Zeit und der Rubel ist Parallelwährung.

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