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«Ein knallharter Geschäftsmann»

Seit Tagen beherrscht der FC Wil die Schlagzeilen – dank Investor Mehmet Nazif Günal. Wer ist der Unternehmer, der einen Milliardenkonzern leitet, Präsident Erdogan nahe steht und nun in der Schweiz Fuss fassen will?
Jürgen Gottschlich
In der Baubranche ist er reich geworden: Mehmet Nazif Günal. pd

In der Baubranche ist er reich geworden: Mehmet Nazif Günal. pd

Die Fussballschweiz reibt sich erstaunt die Augen. Geld spielt beim FC Wil seit ein paar Wochen keine Rolle mehr. Plötzlich kann sich der Verein Spieler leisten, die mehrere Hunderttausend Franken pro Jahr verdienen. Doch warum kauft sich ein Mann wie Mehmed Nazif Günal einen kleinen Schweizer Fussballverein? «Sicher nicht aus sportlichen oder sentimentalen Gründen», sagt ein ehemaliger Mitarbeiter des Fernsehsenders TV-8, der Günal gehört. «Günal ist ein knallharter Geschäftsmann. Der Fussballverein ist wahrscheinlich als Türöffner für den Schweizer Markt gedacht.»

Einen Türöffner braucht der reiche Unternehmer in seiner Heimat längst nicht mehr. In der Türkei ist Mehmet Nazif Günal – oder zumindest dessen Initialen MNG – fast überall bekannt. Allein Hunderte Lieferwagen mit MNG-Logo rollen täglich durch Istanbuls Strassen, ein MNG-eigener internationaler Cargo-Dienst bringt die Päckchen in alle Welt. Doch der Zustelldienst ist für MNG nur ein kleines Zubrot zum eigentlichen Geschäft. Gründer und Alleineigentümer der milliardenschweren MNG-Holding ist Mehmet Nazif Günal. Sein Aufstieg gehört zu den typischen Selfmademan-Stories der Türkei, die sich von anderen dadurch unterscheidet, dass es MNG gelang, aus einem mittelständischen Betrieb einen weltweit agierenden Konzern zu machen.

Geschäfte mit Diktatoren

Günals Karriere war alles andere als vorgezeichnet: Er stammt aus Artvin, einer der ärmsten Provinzen im Nordosten des Landes nahe Georgien. Dem heute 67-Jährigen gelang jedoch früh der Sprung in die Hauptstadt Ankara. Dort erhielt er einen Platz an der renommierten technischen Universität, wo er ein Studium als Bauingenieur abschloss. Das Baugeschäft war und ist die Kernkompetenz der MNG Holding. Das bisher letzte Grossprojekt, das der Konzern fertiggestellt hat, ist der Ausbau des Flughafens in Baku, der nach dem Vater des dortigen Autokraten, Haydar Alijew, benannt ist. Aserbaidschan ist seit Jahren ein einträglicher Tummelplatz für türkische Konzerne, allerdings auch berüchtigt für Korruption und Vetternwirtschaft. Wer als türkischer Unternehmer in Baku zum Zug kommen will, braucht einen guten Draht zum Alijew-Clan. Dieser wird in der Regel durch hervorragende Beziehungen zur Regierung in Ankara hergestellt. Mehmet Nazif Günal hat beides und darin liegt auch der Schlüssel zu seinem Erfolg.

Ende der 1970er-Jahre war MNG nur eine mittelständische Baufirma in Ankara, die mit dem Wohnungsbau in der Hauptstadt Geld verdiente. Davon kann man gut leben, doch reich wird man als türkischer Unternehmer erst, wenn grosse Staatsaufträge dazukommen. Der Aufstieg Günals begann Mitte der 1980er-Jahre während der Regierungszeit von Turgut Özal. Dieser öffnete die bis dahin weitgehend staatlich gelenkte Wirtschaft für private Unternehmer. Mit einer radikal neoliberalen Politik baute Özal die türkische Wirtschaft um und privatisierte etliche ehemalige staatliche Grossunternehmen.

Die Kinder arbeiten im Konzern mit

Was vorher staatlicher Wohnungsbau war, wurde nun von Privatfirmen übernommen. Die Voraussetzungen, um dabei zum Zuge zu kommen, waren und sind bis heute gute Beziehungen zu den jeweils Herrschenden. Günal gehörte nicht zu den bekanntesten Günstlingen von Özal, aber er mischte dennoch kräftig mit. Wie andere Unternehmer auch diversifizierte er sein Geschäft, um in möglichst mehreren Branchen mitverdienen zu können. Bei MNG sind das der Tourismus, vor allem der Bau von Hotels, das Cargo-Geschäft und der Einstieg in den Mediensektor. Günal kaufte den Fernsehsender TV-8, nicht, weil er glaubte, mit Journalismus viel Geld verdienen zu können, sondern weil sich eigene Zeitungen und TV-Stationen gut dafür eignen, bei den politischen Chefs für ein gutes Geschäftsklima zu sorgen. Das schafft die Grundlage für die entscheidenden Staatsaufträge.

Mehmet Nazif Günal ist damit reich geworden. Sehr reich sogar. Nach der Forbes-Liste der wohlhabendsten türkischen Unternehmer steht er heute mit einem Privatvermögen von knapp zwei Milliarden Dollar an 19. Stelle. Rund zwei Drittel des jährlichen Gewinns wird über die Bausparte erwirtschaftet. Längst ist MNG nicht mehr nur in der Türkei und Aserbaidschan aktiv, sondern baut im gesamten arabischen Raum, von Saudi-Arabien über Ägypten bis Marokko. Günal hat drei Kinder von denen die beiden älteren, ein Sohn und eine Tochter, beide ebenfalls als gelernte Bauingenieure im familieneigenen Konzern mitarbeiten.

«Erdogan ist grösser als Atatürk»

MNG gehört zu den türkischen Konzernen, die die Turbulenzen zu Beginn der 2000er-Jahre und den Wechsel zur AKP-Regierung und dem damals neuen starken Mann, Recep Tayyip Erdogan, gut geschafft haben. Entsprechend profitierte MNG vom türkischen Wirtschaftsboom. So ist es MNG auch gelungen, eine Beteiligung am derzeit wichtigsten Infrastrukturprojekt der Türkei zu bekommen: Der dritte Grossflughafen in Istanbul soll dereinst der grösste Flughafen der Welt werden und jährlich 150 Millionen Passagiere abfertigen. Bei der Grundsteinlegung machte Günal von sich reden, weil er Erdogan als Mann anpries, der «grösser als der türkische Republikgründer Atatürk» sei.

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